Alles eine Frage der Wahrnehmung

„Die Live­cam auf dem Dach der Hotelpen­sion am Goethe­haus ermöglicht einen ein­ma­li­gen Blick auf das Goethe-Wohn­haus in Weimar.“
Das ist auf der Weimarer Seite von Wetter.com neben genan­ntem Livestream zu lesen.
In einem Winkel von etwa 180 Grad erfasst die Web­cam das kleine Zen­trum der Klas­sik­er­stadt. In End­loss­chleife schwenkt sie zwis­chen der Ecke Frauen­torstraße und dem Wohn­haus des Dichter­fürsten. So lässt sich das All­t­ags­geschehen vor Ort in Echtzeit beobachten.

Diverse Fußgänger, Fahrrad­fahrer und Liefer­wa­gen bewe­gen sich über das Areal. Tax­i­fahrer warten auf Kund­schaft.
Ab und zu verir­ren sich Autos, die am oberen Ende des abges­per­rten Frauen­plans wen­den müssen.
Die ansäs­si­gen Geschäfte sind seit etwa einer Stunde ohne erkennbaren Pub­likumsverkehr geöffnet.
Besucher­grup­pen sind noch nicht auszu­machen. Dafür taucht eine erste Touris­ten – Pfer­dekutsche auf.
Ein Polizei – PKW dreht rou­tiniert seine kleine Runde vor dem Goethe­haus.
Das hat mit­tler­weile der fün­fte Liefer­wa­gen passiert. Meis­tens sind es die gängi­gen Paket­di­en­ste.
Mit fortschre­i­t­en­der Zeit nimmt die Anzahl der Pas­san­ten ent­lang der Grün­fläche des Frauen­plans zu.
Sämtliche Plätze vor den Restau­rants sind bei den niedri­gen Außen­tem­per­a­turen unbe­setzt.

Nichts passiert. So kön­nte ein mod­erierter Bericht über das Zeit­geschehen im Herzen der Kle­in­stadt begin­nen.

Dabei hat die Live­cam am Frauen­plan jene Geschwindigkeit verin­ner­licht, die dem berüchtigten Rhyt­mus der Stadt entspricht.

Langsamkeit und mutwillige Entschle­u­ni­gung.

Die einen genießen es, die anderen has­sen es.
So erzählt die kleine weiße Kam­era knapp unter dem Dach der Hotelpen­sion mehr als beab­sichtigt.
Freilich gäbe sie auch einen prima Bild­schirm­schoner ab. Oder ein Beruhi­gungsmedium für gestresste Zeitgenossen und Genossin­nen.

Mit anderen Worten:
Der End­los – Film der Live­cam am Frauen­plan hat das Zeug zur Visuellen Homöopathie.