Von Claus Bach, 20. September 2017, 11:30 Uhr

Ein stilisierter Zeigefinger auf weißem Grund zeigt in Richtung Betrachter. Darüber der Schriftzug „Geh wählen!“. Darunter sind zwei Zahlenbeispiele auszumachen:
100 Wahlberechtigte: 75 gehen hin. Drei wählen AFD. Ergebnis: 4,0 %. Anschließend ein weiteres Exempel: 100 Wahlberechtigte: 50 gehen hin. Drei wählen AFD. Ergebnis: 6,0 %.

Vielleicht ist jener Aufruf zur Teilnahme an den Wahlen zum deutschen Bundestag der Eindringlichste. Verdeutlicht er doch auf simpelste Art die Risiken und Nebenwirkungen kompletter Wahlverweigerung.

Auch auf die Gefahr hin, dass die Sache eine gewisse agitatorische Penetranz aufweist, welche bisweilen in Überdruss münden kann.

Derweil kursieren noch andere Wahlaufrufe im Netz. So wirbt der prominente Fotokünstler Wolfgang Tillmans mit sieben farbigen Fotoplakaten für die Angelegenheit. Die sind zwar mehr illustrativ und setzen ganz auf die Wechselwirkung zwischen Fotografie und Text. Wahlweise kann man sie als Printversion oder als Beitrag in diversen Netzwerke verbreiten. Selbstverständlich ist der Inhalt eindeutig.
Die weiß gehaltene Headline „Nicht wählen ist nicht neutral“ prangt auf einer grünlichen Makroaufnahme, welche diverse schwärzliche Keime aufweist. Oder: „Sonntag ist super. Zum Feiern und zum Wählen“ zeigt einen Partykeller mit Szenepublikum.
Und, vielleicht am treffendsten: „Mach mit bei der Wahl. Sonst entscheiden andere für Dich“ vor unscharfen farbigen Streifen. Freilich ist das alles recht blumig und spielt die Sache in alltäglichen visuellen Andeutungen durch.

Da wünschte man sich fast einen John Heartfield mit seinen drastischen Fotomontagen der frühen 1930iger Jahre zurück. A propos: Bildliche Analogien zu jener Situation wabern freilich auch alarmistisch durchs Netz.

Wesentlich treffender ist allerdings der animierte Stop Motion Kurzfilm mit dem Titel „Die apokalyptischen Nichtwähler und ihre Folgen“
Produziert wurde er von den Zwillingsbrüdern Frederik und Gerrit Braun, den Eigentümern und Betreibern der Modelleisenbahn – Attraktion „Miniatur Wunderland“ in der Hamburger Speicherstadt.
In knapp drei Minuten werden sämtliche windelweichen Statements der ordinären Nichtwähler durchgespielt und deren direkte Folgen für die Demokratie als Horror – Szenario dargestellt:
Straßenkrawalle, brennende Häuser, Autos werden von einer braunen Schlammflut weggespült, und später steht ein Atompilz am Horizont.
Besagter Kurzfilm löst seit Tagen Kontroversen aus. Und bleibt samt brisantem Inhalt im Gespräch.
Im Abspann des Streifens ist das Statement der Produzenten zu lesen:
„Niemand hat uns gebeten, dieses Video zu drehen. Wir haben es einfach gemacht. Es ist unsere Meinung. Wir wollen damit die Wahlbeteiligung erhöhen und unsere Demokratie stärken. Wenn’s Dich berührt hat, dann teile es.“

Voilà. Kompliment. So geht Wahlbeteiligungs – Werbung auch.
John Heartfield hätte seine Freude daran gehabt.

 

 

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