Anders als gedacht

Eigentlich sollte es ein Doku­men­tarfilm über eine Kun­stak­tion ent­lang der Berliner Mauer wer­den.
Im Novem­ber 1986 hat­ten fünf aus­gereiste Weimarer Jugendliche den antifaschis­tis­chen Schutzwall von West­ber­liner Seite aus mit einem weißen Strich markiert. Um auf den Ghetto – Charak­ter des Bauw­erks hinzuweisen.

Eine spek­takuläre Aktion, die vorzeitig endete. Denn einer von ihnen wurde von DDR – Gren­z­sol­daten erwis­cht und geriet erneut in Haft.

25 Jahre später erzählte eine Pub­lika­tion über die Aktion. Das war im Jahre 2011.

Wie so oft sollte nun der Film zum Buch erscheinen.
Doch es kam anders als gedacht. Denn im Zug der Recherchen hatte sich her­aus­gestellt, dass der Ini­tia­tor der Aktion ehe­ma­liger IM der Staatssicher­heit war. Und in Weimar seinen eige­nen Bruder an diese Firma ver­raten hatte.
Für Geld, um die Kohlen zum Heizen zum bezahlen. Wie aber­witzig.

So nahm der Film sein Eigen­leben an.
Statt der Bewegt­bild – Doku­men­ta­tion des Ereignisses rück­ten die Biografien der Akteure in den Vorder­grund. Alles begann im Weimar der frühen 1980iger Jahre.
Minu­tiös wer­den die Lebenssi­t­u­a­tio­nen von den Beteiligten erzählt. Dabei ist es Regis­seur Gerd Kroske gelun­gen, die zwei Brüder vor die Kam­era zu brin­gen. Die Dialoge über Ver­rat und dessen Gründe wer­den Gegen­stand des Films.

Eine klas­sis­che Sit­u­a­tion zwis­chen Täter und Opfer, die zu keinem Zeit­punkt in pathetis­ches Klis­chee ausartet.
In trock­ener Art erzählt der ehe­ma­lige IM über sich.
Und nutzt die Angele­gen­heit auch gle­ich zur Selb­st­darstel­lung als Kün­stler.
Zitat: „Ich habe keine Fre­unde“.

Ein real­itäts­ferner Zynis­mus, der nur schwer zu ver­dauen ist. Auch und ger­ade für die unbeteiligten Zuschauer. Und genau das ist das Beson­dere.

Der 96 minütige Film hat das Zeug zum Doku – Klas­siker jüng­ster DDR – Ver­gan­gen­heit.
„Striche Ziehen“ hat ihn sein Regis­seur dop­pelsin­nig genannt.
Den Pub­likum­spreis der diesjähri­gen „Duis­burger Film­woche“ hat der Streifen kür­zlich schon bekom­men.
In Weimar läuft er noch diese Woche im „mon ami“, danach im Lichthaus-Kino.