Von Claus Bach, 22. April 2015, 11:46 Uhr

Eigentlich sollte es ein Dokumentarfilm über eine Kunstaktion entlang der Berliner Mauer werden.
Im November 1986 hatten fünf ausgereiste Weimarer Jugendliche den antifaschistischen Schutzwall von Westberliner Seite aus mit einem weißen Strich markiert. Um auf den Ghetto – Charakter des Bauwerks hinzuweisen.

Eine spektakuläre Aktion, die vorzeitig endete. Denn einer von ihnen wurde von DDR – Grenzsoldaten erwischt und geriet erneut in Haft.

25 Jahre später erzählte eine Publikation über die Aktion. Das war im Jahre 2011.

Wie so oft sollte nun der Film zum Buch erscheinen.
Doch es kam anders als gedacht. Denn im Zug der Recherchen hatte sich herausgestellt, dass der Initiator der Aktion ehemaliger IM der Staatssicherheit war. Und in Weimar seinen eigenen Bruder an diese Firma verraten hatte.
Für Geld, um die Kohlen zum Heizen zum bezahlen. Wie aberwitzig.

So nahm der Film sein Eigenleben an.
Statt der Bewegtbild – Dokumentation des Ereignisses rückten die Biografien der Akteure in den Vordergrund. Alles begann im Weimar der frühen 1980iger Jahre.
Minutiös werden die Lebenssituationen von den Beteiligten erzählt. Dabei ist es Regisseur Gerd Kroske gelungen, die zwei Brüder vor die Kamera zu bringen. Die Dialoge über Verrat und dessen Gründe werden Gegenstand des Films.

Eine klassische Situation zwischen Täter und Opfer, die zu keinem Zeitpunkt in pathetisches Klischee ausartet.
In trockener Art erzählt der ehemalige IM über sich.
Und nutzt die Angelegenheit auch gleich zur Selbstdarstellung als Künstler.
Zitat: „Ich habe keine Freunde“.

Ein realitätsferner Zynismus, der nur schwer zu verdauen ist. Auch und gerade für die unbeteiligten Zuschauer. Und genau das ist das Besondere.

Der 96 minütige Film hat das Zeug zum Doku – Klassiker jüngster DDR – Vergangenheit.
„Striche Ziehen“ hat ihn sein Regisseur doppelsinnig genannt.
Den Publikumspreis der diesjährigen „Duisburger Filmwoche“ hat der Streifen kürzlich schon bekommen.
In Weimar läuft er noch diese Woche im „mon ami“, danach im Lichthaus-Kino.

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