Auf der sicheren Seite

Erfurt, im Dezem­ber 2003: Im Foyer des Thüringer Land­tages  instal­lierten Claus Bach und Mar­cel Köh­ler während der Adventszeit – der soge­nan­nten „Weichen Jahreszeit“ – eine tem­poräre Zweig­stelle der Thüringer Tafel:

Foyer des Thüringer Landtags, Tafelansicht

Abge­ord­nete und Besucher des Land­tages waren ein­ge­laden, aktiver Teil des sozialen Prozesses der Tafel-Bewe­gung zu wer­den – indem sie Sach­spenden vor Ort in Form eigener überzäh­liger Lebens­mit­tel und Klei­der­spenden zur Ver­fü­gung stell­ten. Ihr poli­tis­ches All­t­ags­geschäft wurde direkt mit der Sen­si­bil­ität für die prekäre Exis­tenz anderer kon­fron­tiert.

Im Ver­lauf der ersten zehn Tage passierte erst­mal gar nichts:
Trotz opti­maler Infor­ma­tion und Organ­i­sa­tion aller Beteiligten wurde fast nichts gegeben, ausgenom­men die Ini­ta­tive der PDS: Deren Parteivor­sitzen­der hatte medi­en­wirk­sam zur Vernissage  einige »süße Kisten« her­beige­bracht. Anson­sten erkundigte sich die Land­tagspräsi­dentin bei ihrer Ref­er­entin täglich nach der Anzahl der Spenden und war ziem­lich pikiert ob der gerin­gen Geber­bere­itschaft der Abge­or­neten. Let­ztere liefen zwar sehr fre­undlich grüßend, aber eilig am lebendi­gen Stand der jew­eili­gen Tafelmi­tar­beiter vor­bei.

Je mehr Tage vergin­gen, desto stärker geriet die Sit­u­a­tion im Foyer des Land­tags zur pein­lichen sozi­ol­o­gis­chen Zus­tands­beschrei­bung.

In der zweiten Hälfte der Zeit änderten sich die Dinge zuse­hens: In den jew­eili­gen Parteisitzun­gen war am Rande disku­tiert wor­den, wie mit der Sit­u­a­tion umzuge­hen ist, was man spenden kann usw. Abge­ord­nete und Poli­tiker ver­loren  ihre anfänglichen Berührungsäng­ste, suchten das Gespräch mit den Tafelmi­tar­beit­ern und über­gaben neben Lebens­mit­teln Klei­dungsstücke und Geld­spenden. Auch das Gäste­buch wurde nun beschrieben. Am Ende der Aktion waren ca. 90 Sach­spenden und Geld­spenden im Wert von knapp 1000,- Euro zusam­mengekom­men.
Einziger Wer­mut­stropfen: Einige Tafelmi­tar­beiter ver­schiedener Thüringer Städte sagten ihre Mitar­beit am Pro­jekt kurzfristig aus ver­meintlichen Ter­min­grün­den ab.

Das Pro­jekt wurde von einer ungewöhn­lich starken Medi­en­res­o­nanz begleitet. Die Vor­sitzende des Blanken­hainer Tafel e.V., Frau Beate Weber-Kehr, wurde vom MDR -Fernse­hjour­nal zur »Thüringerin des Monats Dezem­ber« gewählt.

Thüringer Landtag 2003, Projektverlauf
Das Geschehen im Foyer des Thüringer Land­tags