Von Claus Bach, 18. März 2009, 11:26 Uhr

St. Pölten in Österreich, am 16. März 2009: Vor dem örtlichen Gerichtsgebäude macht ein Mann mit Aktenkoffer die Runde. Gekleidet wie ein Handelsverteter geht er von Journalistenteam zu Journalistenteam und unterbreitet allen das selbe Angebot: In seinem Besitz befinden sich aktuelle unverkäufliche Fotografien der Opfer des angeklagten „Inzest-Monsters von Amstetten“, Josef Fritzl. Aufnahmen aus der psychiatrischen Klinik, in welcher sich seine Familie gegenwärtig befindet. Zu tun hat der österreichische Paparazzo und Bekannte Fritzls, Heinrich Schmatz jetzt eine Menge: Insgesamt 200 Journalisten aus aller Welt sollen in die österreichische Kleinstadt gereist sein, um über den Prozessverlauf zu berichten – meist aus der Boulevardpresse. Also 200 mal mehrsprachig dasselbe Angebot wiederholen. Aber Schmatz kann sich Zeit lassen. Auf Nachfrage eines deutschen Fernsehjournalisten, wer denn nun für wieviel Geld den Zuschlag erhält, antwortet er vor laufender Kamera zurückhaltend grinsend:

„Ja , es gibt Angebote, es stehen Millionenbeträge im Raum, aber die nehm ich nicht ernst.“

Doch Schmatz ist nicht der einzige, der sich einen ordentlichen Gewinn vom Verkauf der Familienbilder des Monsters von Amstetten verspricht: Mittlerweile sollen ganze Preislisten für die Vermarktung der „Fritzl“-Familienbilder existieren. Was mit anderen Worten heißt:

Die internationale Regenbogenpresse läuft in St. Pölten zur Hochform auf.
Und mit Sicherheit weiß sie nicht mal, wie das Wort „Rezession“ buchstabiert wird.

Braucht sie auch nicht, die Nachfrage für diese Fotos ist weltweit riesig und stellt alle wohlmeinenden Absichtserklärungen ethischer journalistischer Berichterstattung in den Schatten. Gerade das aber wird immer mehr zum Problem für den seriösen Bildjournalismus: Wie ist er im globalen Auflagen – und Einschaltquotenkampf aufgestellt und kann er es sich überhaupt noch leisten, eben nicht spektakulär Opfer abzubilden?

So wird die Rede vom „Recht auf Information für alle“ schnell willkommener Vorwand für enthemmte Zurschaustellung wehrloser Personen, nichts anderes als ein Instrument zur Bedienung globalen Voyeurismus.

Selbstverständlich gehören dazu immer zwei: Die Bildlieferanten und wir selbst als neugierige Betrachter und Auflagengarant. Gesteuert wird der Mechanismus von ersteren, wie überall bestimmt das Angebot die Nachfrage. Und erst, wenn sich kein Aas mehr solche Bilder reinzieht, gibt es diesen Markt nicht mehr –
beileibe keine besonders neue Erkenntnis.

Aber dann wüsste wahrscheinlich auch die Boulevardpresse, wie das Wort Rezession geschrieben wird.
Was wiederum ein weiteres ökonomisches Debakel zur Folge hätte.

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