Von Claus Bach, 17. März 2010, 11:26 Uhr

„sollen denen gehören, die drin wohnen!“ Dieser Spruch war vor etwa 20 Jahren an diversen besetzten Gebäuden zu lesen. Speziell im rechtsfreien Zwischenraum der Wendezeit wurde dieses Credo besonders gelebt:
Zuerst erkundete man ein leerstehendes Haus. Danach verschaffte man sich Zugang und zog ein. Noch ein neues Schloss eingebaut, einen Briefkasten mit Namen angebracht – und fertig. Und je mehr neue Mitbewohner nachzogen, desto besser. Wenn sich der Eigentümer meldete, verhandelte man und einigte sich irgendwie – temporär.

Diese Tatsachen schufen damals auch einige junge Zeitgenossen in Weimar. Im März 1990 besetzten sie das Haus in der Gerberstraße 3. Ein Brand im Erdgeschoss hatte es unbewohnbar gemacht, die restlichen Etagen waren noch in Schuss. Rasch war das Objekt provisorisch ausgebessert, bezogen und belebt. Und selbstverständlich gehörten Konzertraum und Kneipe dazu.

Gerade letztere wurde das Sammelbecken für Nachtschwärmer unterschiedlichster sozialer Coleur. Also eine buntes Haus im ansonsten noch grauen Bild der Kulturstadt. Kult.

Und auch die Hausbesitzerin im Westen spielte mit und überließ ihr Objekt den „Jungen Leuten“. Allerdings musste ein Nutzungskonzept mit Verein her. Allein schon, um den Dauerstress mit Nachbarn und Stadtvätern einzudämmen. Und projektbezogene Fördertöpfe ließen sich so auch anzapfen. „Haus für Soziokultur e.V.“ war der kleinste gemeinsame Nenner – eine schwere Geburt im Dauerstreit der Besetzer.

Er faßte alle Aktivitäten zusammen, die sich mit dem Engagement für eine alternative Jugendkultur verbanden. Rückblickend war das der entscheidende Schritt zur Akzeptanz des Hauses. Machte er doch nun Aktivitäten wie Kinderladen, Fahrradwerkstatt, Kino, Konzerte und das Tonstudio „Wunderbar“ möglich. Diverser Feierlichkeiten inbegriffen.

Und auch parteipolitisch -gebundene Profilierungen wie die der damaligen Ministerin für Frauen und Jugend und heutigen Bundeskanzlerin Angela Merkel waren drin: In Form einer medienträchtigen Scheck-Übergabe für die Fußbodenheizung in der Kneipe im Jahre 1992.

So gingen die Jahre ins Land. Die Benutzer –Generationen wechselten, Aktionisten gingen und kamen. Irgendwann wurden die Fördergelder und ABM-Stellen gekürzt. Irgendwann fehlte das Kino. Irgendwann sind aus Besetzern temporäre Langzeitbewohner geworden.

Aber: Im 20. Jahr ihres Bestehens ist die „Gerber“ fester Bestandteil der örtlichen Alltagskultur geworden. Es hätte auch anders kommen können.

Schokoladen-Geburtstagshaus Gerberstraße 1-3, Weimar

Kommentiere den Artikel oder setze einen Trackback

Bisher keine Kommentare zum Artikel

  1. Bisher keine Kommentare

Kommentiere den Artikel

SPAM-Schutz
Wenn Du kein SPAM-Bot bist,
fülle bitte dieses Feld aus. *
Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.



Kommentare zu diesem Artikel über RSS 2.0-Feed verfolgen