Die Viererbande

Aus­nahm­sweise ist das mal kein mys­ter­iöses Gang­sterquar­tett, son­dern die süff­isante Beze­ich­nung für vier Chefkün­stler der ehe­ma­li­gen DDR. Genauer gesagt die vier Maler­fürsten. Als da wären Bern­hard Heisig, Wolf­gang Mattheuer, Willi Sitte und Werner Tybke. Alle waren per­fekte Vertreter der figür­lichen Malerei und außeror­dentlich ver­siert in der Darstel­lung des ein­fachen Men­schen. Selb­stver­ständlich kri­tisch ver­schlüs­selt und doch meist ide­olo­giekon­form. Ihre inter­na­tionalen Wei­hen erhiel­ten sie bere­its zur VI. doc­u­menta im Jahre 1977. Was von den dama­li­gen DDR-Chefide­olo­gen entsprechend gew­ertet wurde: Als eine Bestä­ti­gung der weg­weisenden Malerei des ersten deutschen sozial­is­tis­chen Arbeiter- und Bauern­staates und so weiter.
Fünf Jahre später waren jene vier dann endgültig im west­lichen Kun­st­be­trieb angekom­men. Das berühmte Köl­ner Samm­ler-Ehep­aar Peter und Irene Lud­wig ver­lieh ihnen die kom­pat­i­blen Wei­hen. Durch spek­takuläre Ankäufe. Ein ordinärer Kun­st­markt-Klas­siker: Denn figür­liche Malerei war im Westen 1983 eine Mark­tlücke und Gegen­stück zur sonst gängi­gen abstrak­ten Kunst. »Da kann man endlich was erken­nen.«, titelte sogar der dama­lige Bun­deskan­zler Hel­mut Schmidt. Und ließ sich gle­ich mal von einem der vier, dem Maler Bern­hard Heisig, porträtieren.
Von nun an war DDR-Kunst auss­chließlich durch figür­liche Malerei ter­miniert. Offen­sichtlich existierte nichts anderes drüben in der Zone. Und alle Kun­stme­dien kol­portierten jenen Zus­tand auch noch. Freilich Pech für jene, die dort anders arbeit­eten. Denn die gab es medial über­haupt nicht. Weder in Ausstel­lungskalen­dern noch Rezen­sio­nen.
Das es mit­nichten anders war, zeigt nun eine kleine, aber feine Pub­lika­tion des Leipziger Kul­tur­sozi­olo­gen Bernd Lind­ner. Sie nennt sich »Nähe und Dis­tanz. Bildende Kunst in der DDR«. Auf knapp 180 Seiten beschreibt Lind­ner die Entwick­lung der Malerei vom verord­neten sozial­is­tis­chen Lehrbuch-Real­is­mus bis hin zu eigen­ständi­gen kri­tis­chen Posi­tio­nen vieler Kün­stler. Iko­nen der DDR-Kunst sind dabei genauso vertreten wie unbekan­nte radikal-wider­sprüch­lichen Arbeiten. Die freilich so gar nicht ins sozial­is­tis­che All­t­ags­bild passten und selb­stver­ständlich ignori­ert wur­den.
Freilich ist das nicht die erste Pub­lika­tion jener Art. Neu allerd­ings ist eines: Lind­ner stellt die Frage nach dem kün­st­lerischem Bestand jener Malerei und seiner Nach­wirkung bis in unsere Gegen­wart. So spannt er einen erhel­len­den, aber auch nicht unkri­tis­chen Bogen zu aktuellen Künstler/innen der soge­nan­nten Neuen Leipziger Schule und ihren mit­tler­weile erfol­gre­ichen Gale­rien. Ohne dabei Ide­al­isierun­gen zu ver­fallen. Und genau das ist das Beson­dere. Prak­tisch ist auch die Erschei­n­ungs­form der Pub­lika­tion. Im Taschen­buch-For­mat ist sie nicht nur sehr han­dlich, son­dern auch kostengün­stig in der Lan­deszen­trale für poli­tis­che Bil­dung Thürin­gens zu erwer­ben.