Von Claus Bach, 19. Juni 2013, 11:05 Uhr

Eigentlich war der uralte Streit, ob denn Kunst eine Gesellschaft verändern kann, längst abgehakt. Das kann sie nicht wirklich. Allerhöchstens vermag sie ein bisschen aufzuklären. Und selbst diese Einsicht ist mehr als angegilbt.

Dass es auch anders kommen kann, zeigen die Ereignisse der vergangenen Tage in Istanbul:
Nachdem die türkische Polizei am vergangenen Montag alle Demonstranten auf dem Taksim-Platz gewaltsam vertrieben hatte, stand am Abend ein einzelner Mann auf dem Areal. Stumm harrte er aus und blickte dabei in Richtung des Atatürk – Kulturzentrums. Passiv, ganz Demonstranten – untypisch, ohne Transpa oder anderes Protest – Inventar.

Es brauchte einige Stunden, bevor die völlig irritierte Polizie denn Mann nach vorausgegangener Durchsuchung verhaftete.

Doch da war es schon zu spät. Auch das half nichts mehr. Denn diese Protestaktion „Stehender Mann“ des türkischen Choreographen Erdem Gündüz hatte bereits Schule gemacht. In der Landessprache heißt sie klangvoll „Duran Adam“.

Rasend schnell hatte sich seine Geste über die sozialen Netzwerke im Internet verbreitet. Später dann kommentierte dann auch Erdem Gündüz seine Aktion: „Ich stehe hier, weil wir keine freie Presse haben. Das ganze System muss sich ändern. Mit dem Rücktritt der Regierung ist es nicht getan.“

Und so stehen seit Dienstag immer mehr schweigende Menschen auf öffentlichen Plätzen in Istanbul, Ankara und anderen türkischen Städten.

Ein klassisches Beispiel, was kollektiver Minimalismus ausrichten kann. Manche nennen es gleich „Postmoderner Pazifismus“. Dagegen sind die vielgelobten Flashmobs im Netz Kasperle – Theater.

Über Nacht ist Erdem Gündüz zur Ikone des Protests in der Türkei des Jahres 2013 geworden:
Sein spontaner „Standing Man“ hat das Zeug dazu, langweilige zeitgenössische Oberflächenkunst auf ihre Ursprünge einzudampfen und um eine längst fällige Dimension hinzuzufügen. Niemand hatte das auf dem Zettel.

Seit zwei Tagen könnte die romantische Mähr von der Ohnmacht der Kunst in der Gesellschaft für einen Moment vom Tisch sein.

Manchmal reicht sowas aus. Theoriefrei und ungeplant.

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