Entzaubert

Wie gelähmt sitzen sie vor dem Fernse­hgerät. Kinder im Alter zwis­chen drei und elf Jahren. Sie sind als far­big fotografierte Porträts beim Fernse­hen zu beobachten.
Dazu hat Fotograf Wol­fram Hahn seine Kam­era auf das Gerät in ihre Rich­tung gestellt und die Kinder während des TV – Kon­sums aufgenom­men.

Zu sehen sind Gesichter, die vol­lends ins Leere blicken. Alle­samt wirken sie wie fremdbes­timmt. Unter­schiede existieren lediglich nach dem Alter:
Bei den Drei – bis Vier­jähri­gen mis­cht sich oft noch ein ungläu­biges Staunen in die Gesichtsmimik. Die Älteren zeigen schon erste Anze­ichen psy­chol­o­gis­cher Abhängigkeit. Wie in Trance sind sie der Macht des Medi­ums aus­geliefert. Fast dro­gen­ab­hängig blicken sie drein, kurz vor der Betäubung. Ein aus­ge­sprochen visuleller Hor­ror­trip.
Dabei ist in jedem Gesicht latente, pas­sive Gewalt zu spüren.
Die Blicke scheinen aus einem Eiss­chrank zu kom­men. Hil­flose Gesicht­szom­bies, deren Porträts sich ob ihrer ver­stören­den Geste in unser Gedächt­nis ein­bren­nen. Zugle­ich wirken sie wie Insassen einer Ner­ven­heilanstalt.
So sehen also die nachwach­senden Proban­den unserer soge­nan­nten Medi­enge­sellschaft aus.
Sel­ten ist eine der­art ambiva­lente und streck­en­weise bizarre Foto­serie über die gefährdende Wirkung der elek­tro­n­is­chen All­t­agsme­dien auf Kinder und Her­anwach­sende so präzise und vor allem psy­chol­o­gosch ein­dringlich ent­standen.
Diese Bilder kön­ten prob­lem­los wie medi­zinis­che Auf­nah­men zur Abschreck­ung von Dro­gen­miss­brauch ver­wen­det wer­den.
Jede sta­tis­tis­che oder wis­senschaftliche Erhe­bung ist nichts dage­gen.
Und eine Erfahrung führt uns diese dreizehn­teilige Bilder­serie von fernsehkon­sum­ieren­den Kindern auch vor:
Das visuelle elek­tro­n­is­che Medium ist ein außeror­dentlich präzises.
Es weist keine, aber auch keine Lücke auf. Alles ist sicht­bar, nichts bleibt ver­bor­gen.
Geheimnisse sind dabei der aller­größte Stör­fak­tor.
„Ein entza­ubertes Spielz­im­mer“ hat Wol­fram Hahn seine Serie tre­f­fend genannt.
Sie stammt bere­its aus dem Jahr 2006 und wirkt unge­mein augen­blick­lich.
Als wäre die Bilder erst gestern ent­standen.
Ein Teil dieser Bilder ist nun in der örtlichen ACC – Galerie in der Grup­pe­nausstel­lung „Alle Achtung – zur Ökonomie der Aufmerk­samkeit“ aus­gestellt. Das ist nicht ganz frei von Ironie.
Und selb­stver­ständlich absolutes muss für Fernse­hhas­ser.