Von Claus Bach, 7. November 2016, 16:26 Uhr

Wie gelähmt sitzen sie vor dem Fernsehgerät. Kinder im Alter zwischen drei und elf Jahren. Sie sind als farbig fotografierte Porträts beim Fernsehen zu beobachten.
Dazu hat Fotograf Wolfram Hahn seine Kamera auf das Gerät in ihre Richtung gestellt und die Kinder während des TV – Konsums aufgenommen.

Zu sehen sind Gesichter, die vollends ins Leere blicken. Allesamt wirken sie wie fremdbestimmt. Unterschiede existieren lediglich nach dem Alter:
Bei den Drei – bis Vierjährigen mischt sich oft noch ein ungläubiges Staunen in die Gesichtsmimik. Die Älteren zeigen schon erste Anzeichen psychologischer Abhängigkeit. Wie in Trance sind sie der Macht des Mediums ausgeliefert. Fast drogenabhängig blicken sie drein, kurz vor der Betäubung. Ein ausgesprochen visuleller Horrortrip.
Dabei ist in jedem Gesicht latente, passive Gewalt zu spüren.
Die Blicke scheinen aus einem Eisschrank zu kommen. Hilflose Gesichtszombies, deren Porträts sich ob ihrer verstörenden Geste in unser Gedächtnis einbrennen. Zugleich wirken sie wie Insassen einer Nervenheilanstalt.
So sehen also die nachwachsenden Probanden unserer sogenannten Mediengesellschaft aus.
Selten ist eine derart ambivalente und streckenweise bizarre Fotoserie über die gefährdende Wirkung der elektronischen Alltagsmedien auf Kinder und Heranwachsende so präzise und vor allem psychologosch eindringlich entstanden.
Diese Bilder könten problemlos wie medizinische Aufnahmen zur Abschreckung von Drogenmissbrauch verwendet werden.
Jede statistische oder wissenschaftliche Erhebung ist nichts dagegen.
Und eine Erfahrung führt uns diese dreizehnteilige Bilderserie von fernsehkonsumierenden Kindern auch vor:
Das visuelle elektronische Medium ist ein außerordentlich präzises.
Es weist keine, aber auch keine Lücke auf. Alles ist sichtbar, nichts bleibt verborgen.
Geheimnisse sind dabei der allergrößte Störfaktor.
„Ein entzaubertes Spielzimmer“ hat Wolfram Hahn seine Serie treffend genannt.
Sie stammt bereits aus dem Jahr 2006 und wirkt ungemein augenblicklich.
Als wäre die Bilder erst gestern entstanden.
Ein Teil dieser Bilder ist nun in der örtlichen ACC – Galerie in der Gruppenausstellung „Alle Achtung – zur Ökonomie der Aufmerksamkeit“ ausgestellt. Das ist nicht ganz frei von Ironie.
Und selbstverständlich absolutes muss für Fernsehhasser.

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