Von Claus Bach, 22. September 2010, 11:26 Uhr

Dieses Schicksal ereilt für gewöhnlich die meisten Pressefotos im medialen Verwertungskreislauf.
Was heute noch brandaktuell ist, wird morgen von neuen Ereignissen und Skandalen abgelöst. Je spektakulärer, desto besser. Weil verkaufsfördernd und wirtschaftlich sinnvoll. Eine klare Sache. Denn freilich war das schon immer so.

Doch seit dem Durchmarsch der digitalen Fotografie genießen ausschließlich jene zeitpunktbezogenen Fotografien publizistischen Marktwert. Alles, was sich sonst im Alltag ereignet und nicht gerade das Privatleben diverser Promis abbildet, existiert nicht wirklich. Zumindest in den einschlägigen Pressemedien. Interressiert ja auch keine Sau.

Das allerdings bringt fatale Nebenwirkungen mit sich: Denn diese Art Auswahl läßt auf Dauer ein verzerrtes mediales Abbild unserer Wirklichkeit entstehen. Als ob alles aus Skandalen und Gewalt besteht. Da haben schlichte Alltagsaufnahmen so gut wie keine Chance mehr, veröffentlicht zu werden.

Auf diesen historischen Strukturwandel will nun eine Aktion des deutschen Bildjournalisten -Verbands „Freelens“ aufmerksam machen:
„Ein Tag Deutschland“
heißt das Fotoprojekt, welches den 07. Mai 2010 visuell zum Thema machte:

An jenem gewöhnlichen Freitag schwärmten alle Fotografen des Verbandes aus und hielten das Leben in Deutschland fest:
In Schulen und Wohnzimmern, im Garten, auf Fußballplätzen und Flughäfen, in Parlamenten oder Diskotheken. In privaten und öffentlichen Räumen. Stets abseits von Massenveranstaltungen oder ähnlich publizistisch verwertbaren Situationen. Es sollten Momente gefunden werden, die dieses Land repräsentieren.

So entstand ein außerordentlich vielgesichtiger Bilderkosmos, welcher die Menschen in Ihrem normalen Umfeld von Nord bis Süd und Ost bis West zeigt. Realismus pur. Banal, aber wirkungsvoll. Eine einmalige Sache. Und ungewöhnlich mutig, dem Alltag ein Denkmal zu setzen.

Ergebnis der Angelegenheit ist eine Ausstellung des Projekts auf der diesjährigen Photokina. Vielleicht die interessanteste Veranstaltung auf der Phototechnik-Messe. Und freilich gibt es auch den Fotoband gleichnamigen Titels. Zu erwerben ist er beim dpunkt.Verlag Heidelberg.

Er sollte zur Pflichtlektüre für jede einigermaßen ernstzunehmende Bildredaktion werden.

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