Von Claus Bach, 14. Januar 2009, 11:26 Uhr

Vorsicht – so heißt kein Computerspiel, sondern die bizarre Beschreibung einer ganz realen Situation im gegenwärtigen Krieg zwischen Israel und der Hamas. Und sie könnte schon mal alle Chancen haben, vorab zum Unwort des Jahres 2009 gekürt zu werden.

Etwa hundert Journalisten, Kameramänner und Fotografen berichten nämlich alle über das Kriegsgeschehen von einem kleinen Hügel aus, der sich etwa zwei Kilometer von der Grenze zum Gazastreifen befindet und eine Ansicht auf das Kampfgebiet ermöglicht. Weiter dürfen sie aus Sicherheitsgründen nicht.

Dieser Situation geschuldet hat sich unter den Akteuren der geflügelte Begriff „GAZA-SHOOTING“ entwickelt – eine neue doppelsinnige und außerordentlich zynische Ableitung des umgangsprachlichen „Fotoshootings“ – welches heute für diverse Arten alltäglich inszenierter und dokumentarischer Bildaufzeichnung steht.
Doch wer kann es Ihnen auch verdenken:
Auf kleinstem Raum steht die internationale Kriegsberichts-Armada Kamera und Mikrofon bei Fuß und soll nun aus der Ferne die Weltöffentlichkeit über die Kampfhandlungen informieren.

„Eigentlich sieht man gar nichts, wir wissen auch kaum etwas über Kriegsverlauf und Opferzahlen“
Diese Worte eines deutschen Journalisten vor Ort charakterisieren die Situation.

Und so sitzen alle Fernsehteams auf dem zum „Hügel der Schande“ avanciertem Areal und lauern kommender Ereignisse.
Freilich könnten sie ihr Mikrofon jederzeit den „Spokespersons“ hinhalten – das sind die Pressesprecher des israelischen Aussenministeriums, der Armee oder diverser religiöser Gruppen – und bekämen dann vielsprachig perfekt vorbeitetete Informationsretorten.

Aber darauf verzichten die meisten und gehen Konkurrenz bedingt eigene Wege wie die der Kommunikation per Funk mit einigen Kollegen im Gazastreifen. Dort wiederum rüsten sich immer mehr Zivilisten mit Camcordern aus, um die israelischen Angriffe und deren Opfer zu dokumentieren.

Und es macht sich unter den Journalisten ein Berufs bedingter Zynismus breit, wie der Schweizer Journalist André Marty kürzlich beschrieb: „Kommt ein amerikanischer Fotograf vorbei und fragt, wo denn die Toten seien. Johlt eine russische Fernsehcrew ob eines blutigen Steaks, „Filet Hamas“ nennt der Russe sein Essen.“

Prost Mahlzeit. Da wird es im Fernsehsessel richtig unangenehm.
Bis zur Nächsten Live-Schalte.

Sie können jederzeit einen eigenen Kommentar mit Hilfe des Formulars am Seitenende hinzufügen.

Bisher keine Kommentare zum Artikel

  1. Bisher keine Kommentare

Kommentiere den Artikel

SPAM-Schutz
Wenn Du kein SPAM-Bot bist,
fülle bitte dieses Feld aus. *
Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.



Kommentare zu diesem Artikel über RSS 2.0-Feed verfolgen