Im Testfeld

Die Cranach­straße Num­mer 15 in Weimar war bekan­ntlich das Dom­izil des Kos­mopo­liten, Kun­st­mäzens und Schrift­stellers Harry Graf Kessler.
Wie schon einige vor ihm nutzte auch er die Kle­in­stadt an der Ilm als kul­tur­poli­tis­ches Exper­i­men­tier­feld. Was in den dama­li­gen Metropolen München und Berlin nicht durch­führbar war, wurde vor Ort im frühen 20. Jahrhun­dert aus­gelotet.

So auch Kesslers Aktiv­itäten als Her­aus­ge­ber buchkün­st­lerischer Edi­tio­nen.
Die gipfel­ten schließlich in der Instal­la­tion seiner berühmten Cranach­presse. Als Namensge­ber fungierte dabei seine Straße. Alles Nach­fol­gende ist aus­führlich in der His­to­rie belegt. So ent­standen in Weimar zwis­chen 1913 und 1931 mehr als nur Meis­ter­w­erke deutscher Buchkunst.

Hun­dert Jahre später wid­mete die örtliche Klas­sik­s­tiftung der Cranach­presse eine gebührende Ausstel­lung. Ein Jubiläum stand ins Haus. Freilich wurde auch ein umfan­gre­icher Kat­a­log her­aus­gegeben, der aus­führlich Vorgeschichte und Umfeld der Aktiv­itäten des bib­lio­philen Kul­tur­förder­ers doku­men­tiert. Verse­hen mit zahlre­ichen Fak­sim­ile – Drucken.

An sich ist das nichts wirk­lich Über­raschen­des, weil fol­gerichtig. Doch dies­mal war es anders.
In einer fast beiläu­fi­gen Falttafel im Kat­a­log sind 60 schwarzweiß – Doku­men­tar­fo­tografien abge­druckt, welche die Entste­hung der berühmten Ham­let – Aus­gabe besagter Presse doku­men­tieren. Die Fotografin Ursula Braune hat sie zwis­chen 1927 und 1929 gemacht. Minu­tiös wurde Satz, Druck und Ein­band des Buches in den Räu­men der berühmten Dorfner – Werk­statt dargestellt.

Das ist her­aus­ra­gend. Wirken die Auf­nah­men doch unge­mein Nos­tal­gie frei und zeit­nah. Als ob sie erst gestern in einer kleinen Druck­w­erk­statt ent­standen wären. Denn auch heute noch wid­men sich Kün­stler der klas­sis­chen Kün­stler­buch – Her­stel­lung mit­tels Hochdruck – Ver­fahren.

Das Exper­i­men­tier­feld von damals ist nicht gän­zlich ver­flossen. Es hat sich freilich verän­dert.
Das hätte Herrn Kessler gefallen.

Wer die Fotografien sehen möchte, kann das auch jed­erzeit im Inter­net tun: Im Online – Kat­a­log der Bib­lio­thek sind sie für jed­er­mann zugänglich. Such­be­griff: Cranach-Presse-Braune. Und freilich ist besagter Ausstel­lungskat­a­log im Shop der Klas­sik­s­tiftung zu erwer­ben.

Titel: »100 Jahre Cranach­presse«, erschienen in Otto Meiss­ners Ver­lag Berlin.