Von Claus Bach, 4. Mai 2016, 15:35 Uhr

Zum gestrigen „Internationalen Tag der Pressefreiheit“ war es soweit.
Auf Einladung des „Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger“ gestaltete der chinesische Künstler Ai Weiwei ein Titelbild für deutsche Tageszeitungen. Es heißt symbolisch „Das goldene Zeitalter der Überwachung“.
Zu sehen ist auf den ersten Blick ein großes ornamentales Gitter. Bei genauerem Hinsehen entdeckt man die Details. Goldene Überwachungskameras, Stinkefinger, Twitter – Vögelchen und Handschellen.

Freilich will das durchtrieben sein und den bekannten Moment des zweiten Blicks nutzen. Mahnende Erhellung durch jenes genaue Hinsehen. Allerdings hinkt jene Erhellung, weil alle verwendeten Symbole mehr als bekannt sind und für diesen Zweck bereits inflationär genutzt werden. Wieder einmal wurde der symbolträchtige goldene Käfig bemüht.
Da trägt jemand Holz in den Wald, konzeptuell betrachtet.

Aber es soll auf die Meinungsfreiheit und deren weltweite Bedrängnis hingewiesen werden. Aha.
Der chinesische Künstler muss es schließlich wissen. Denn er hat die Zensur am eigenen Leib erfahren. Die Regierung seines Heimatlands hat ihn als kritischen Geist unter Vorwänden kriminalisiert, ein- und ausgesperrt. Mittlerweile lebt er in Berlin und ist selbstverständlich immer zur Stelle, wenn es um Einforderung von Menschenrechten geht.
Mal posiert er als gestrandeter toter Flüchtling am Ufer des Mittelmeeres. Um freilich auf deren Situation hinzuweisen.
Oder animiert Partygäste einer diesjährigen Berliner Film – Gala, sich Mummenschanz – artig  in goldene Lebensrettungsdecken zu hüllen.
Eine eher peinliche denn aufrüttelnde Situation, die mit Agitprop – Geste auffallen will.

So mutiert Ai Weiwei sanft zum Berufsmärtyrer und wird dabei gesellschaftliches Label, das zur Vergewisserung des zeitgenössischen deutschen Meinungskonsens beiträgt. Als lebender Beweis für Artikel fünf des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland.

Doch darunter leidet eines, dass ihn in früheren Jahren hervorhob. Da hatte er noch mutig alle gesellschaftlichen Widersprüche empathisch zum Thema gemacht. Sich selbst inbegriffen.
Vor allem aber hat er sich von niemandem vereinnahmen lassen.

Das ist ihm abhanden gekommen. Geblieben ist ein matter Abglanz seiner selbst.
Gefangen im goldenen Gesellschaftskäfig benutzerdefinierter eigener Künstlerprominenz.

Nachsatz:
Laut Pressetexten hatten am 03. Mai 2016 über 50 Tageszeitungen „Das goldene Zeitalter der Überwachung“
als Titel abgedruckt.

Sie können jederzeit einen eigenen Kommentar mit Hilfe des Formulars am Seitenende hinzufügen.

Bisher keine Kommentare zum Artikel

  1. Bisher keine Kommentare

Kommentiere den Artikel

SPAM-Schutz
Wenn Du kein SPAM-Bot bist,
fülle bitte dieses Feld aus. *
Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.



Kommentare zu diesem Artikel über RSS 2.0-Feed verfolgen