Von Claus Bach, 19. November 2008, 11:26 Uhr

Das war die Headline der frisch gefälschten Sonderausgabe der „NEW YORK TIMES“ letzter Woche. Und weitere Nachrichten wie „G. W. BUSH ist des Hochverrats angeklagt“ ließen viele Leser dann doch genauer hinsehen und sich amüsieren:

Denn dass nun ausgerechnet der größte Gensaat-Produzent Monsanto mit Maikäfern für die Schädlingsbekämpfung wirbt, war doch sehr unwahrscheinlich. Auch soll eine sogenannte Öl-Steuer den Ausbau von Fahrradwegen in New York und die Einführung einer nationalen Gesundheitsversorgung finanzieren.

Freilich allesamt Lügen, dass sich die Stahlbetonpfeiler nur so biegen. Und selbst das Erscheinungsdatum des Blattes wurde gleich vorausschauend auf den 04. Juli 2009 gelegt. Nicht dumm – eine Art medialer Forderungskatalog für die zukünftige neue US-Regierung.

Das kostenlose 14 seitige Blatt wurde mit einer Auflage von 1,2 Millionen Exemplaren mittels Spenden produziert und in Großstädten wie New York, Los Angeles, San Fransisco und Washington von etwa tausend Helfern verteilt. Mittlerweile hat es weltweit Furore gemacht. Die Beiträge sollen von ungefähr 30 Autoren stammen, angeblich auch einigen Mitarbeitern der echten „NEW YORK TIMES“.

Hinter diesem clever eingefädeltem Fake des Blattes steht die amerikanische Netzkunst-und Aktivistengruppe „The Yes Men“, und dass dürfte wohl mit Sicherheit ihr bisher größter Coup gewesen sein. Zielt er doch auf die verfehlte Politik der Bush-Administration ab und will quasi subversiv vorbeugenden Druck auf die zukünftige Regierung ausüben. Mit Ihrer Art Kommunikationsguerillia hatten sie schon andere spektakuläre Aktionen – unter anderem die einer gefälschten Webseite der Welthandelsorganisation – gelandet.

Und auch in Weimar und Leipzig dürften The Yes Men zumindest für Ausstellungsbesucher bekannt sein: Die hiesige ACC-Galerie und die Halle 14 der Baumwollspinnerei Leipzig hatten im Jahre 2006 Projekte der Aktivisten in den Ausstellungen „Die Kultur der Angst“ vorgestellt.

Indess ist die Strategie, in Vorzeiten gefühlter gesellschaftlicher Veränderungen eine wichtige auflagenstarke überregionale Tageszeitung guerilliamäßig zu fälschen und zu verbreiten, so neu nicht – wie die jüngste deutsche Geschichte zeigt:

Vor zwanzig Jahren, im März 1988, passierte ähnliches auf dem Territorium der DDR: Das damalige Team des Hamburger Szenenmagazins „TEMPO“ fälschte vom Westen aus eine Sonderausgabe des SED-Parteiblattes „Neues Deutschland“ und verteilte anschließend 6000 Stück in einer buchstäblichen Nacht-und Nebelaktion im Osten. Eine ausführliche schwarzweiss-Fotostrecke in Heft 4/1988 des Magazins dokumentierte das Ganze und zeigte die irritierten Gesichter der DDR-Werktätigen: Denn zu lesen gab es damals Artikel wie „Der neue Glasklar-Kurs der SED erobert die Herzen der Massen“ oder „Volkskammer beschließt bürgernahe Politik“ und „DDR schafft Atomkraftwerke ab“.

Bekanntlich wurden einige dieser Headlines sogar zwei Jahre später Realität.
Inwieweit nun allerdings die Schlagzeilen der gefakten „NEW YORK TIMES“ wahr werden könnten, wird sich zeigen. Vielleicht hätte die eine oder andere durchaus Chancen.

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