Von Claus Bach, 26. November 2008, 11:26 Uhr

Letzte Woche war Showtime in den Abendnachrichten einiger TV-Kanäle. Staunend hörten die Zuschauer des isländischen und deutschen Fernsehens die Geschichte des Softwarespezialisten Karl Heinz Bellmann aus dem hessichen Dieburg, der sich vor dem Parlament im isländischen Rejkjavik in eine protestierende Menschenkette eingereiht und dort eine Journalistin mit seiner Geschichte zu Tränen gerührt hatte: Bellmann war einer der 30.000 um ihr Geld gebrachten deutschen Kleinanleger der in Insolvenz gegangenen isländischen Kauphting Bank und hatte sich in zäher Recherche einen Termin beim Vorstand dieser Bank zwecks Einforderung seiner Spareinlage erkämpft.
Um der Sache publiken Nachdruck zu vereihen, lud er einen ZDF-Journalisten zur Begleitung nach Island ein – ausgerüstet mit dem Gruppenfoto seiner vier Kinder, für deren Zukunft das Geld gedacht war. Seine Taktik ging auf. Der Journalist machte Kollegen auf den Fall aufmerksam und rasch kam Bewegung ins Spiel: Angefangen von besagtem Interview bis hin zum Termin beim Vorstand der Kauphting Bank, welcher ihm die Rückzahlung seines Sparbetrages zusicherte.
So wurde Karl Heinz Bellmann über Nacht nicht nur zum allseits gern interviewten Medienstar, sondern auch zu einer Art Robin Hood der Kleinsparer. Sein Geld hat er zwar noch nicht, ist aber recht zuversichtlich. Und das auch für alle anderen Betroffenen.

Wie stark die Macht der Medien ist und wie zwiespältig sie genutzt wird, zeigt ein noch ganz anderes Beispiel: Seit Monaten schon narrt der Einzeldemonstrant Manuel Dörsam die erste Garde deutscher Nachrichtenmagazine:
Mit Plakataktionen gegen die „Steuergeldverbrennung“ vor dem Bundestag und ähnlichen gelang es ihm, in den jeweiligen Nachrichtenbeiträgen optisch dominierend präsent zu sein und damit die Manipulierbarkeit von Bildern durchtrieben für sich zu nutzen. Das ist im Grunde nichts Neues.
In diesem Fall allerdings hat die Sache noch einen anderen Hintergrund als bloße Kommunikationsguerillia: Dörsam meint es ernst. Denn mittels der geziehlt erzeugten Aufmerksamkeit gelang es ihm, seinen Unmut über politische Lügen wie beispielsweise der des gebrochenen Wahlversprechens der SPD-Landeschefin Andrea Ypsilati öffentlich effizient zu äußern – wirkungsvoller als jeder Leserbrief oder Kommentar in Internet-Foren.

Freilich heißt der einsame Demonstrant und Anwalt Manuel Dörsam in Wirklichkeit anders: Sein wahrer Name ist Dirk Mirow und seit 2005 ist er Kanzler der Muthesius Kunsthochschule in Kiel.
Treffend nennt er seine Aktionen „Projekt Pinoccio“ und trägt manchmal soger die passende Maske mit langer Nase, die er den Medien gedreht hat.

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