Männer der Stunde

Let­zte Woche war Show­time in den Abend­nachrichten einiger TV-Kanäle. Staunend hörten die Zuschauer des isländis­chen und deutschen Fernse­hens die Geschichte des Soft­ware­spezial­is­ten Karl Heinz Bell­mann aus dem hes­sichen Dieburg, der sich vor dem Par­la­ment im isländis­chen Rejk­javik in eine protestierende Men­schen­kette ein­gereiht und dort eine Jour­nal­istin mit seiner Geschichte zu Trä­nen gerührt hatte: Bell­mann war einer der 30.000 um ihr Geld gebrachten deutschen Kleinan­leger der in Insol­venz gegan­genen isländis­chen Kauph­t­ing Bank und hatte sich in zäher Recherche einen Ter­min beim Vor­stand dieser Bank zwecks Ein­forderung seiner Sparein­lage erkämpft.
Um der Sache pub­liken Nach­druck zu verei­hen, lud er einen ZDF-Jour­nal­is­ten zur Begleitung nach Island ein – aus­gerüstet mit dem Grup­pen­foto seiner vier Kinder, für deren Zukunft das Geld gedacht war. Seine Tak­tik ging auf. Der Jour­nal­ist machte Kol­le­gen auf den Fall aufmerk­sam und rasch kam Bewe­gung ins Spiel: Ange­fan­gen von besagtem Inter­view bis hin zum Ter­min beim Vor­stand der Kauph­t­ing Bank, welcher ihm die Rück­zahlung seines Spar­be­trages zusicherte.
So wurde Karl Heinz Bell­mann über Nacht nicht nur zum all­seits gern inter­viewten Medi­en­star, son­dern auch zu einer Art Robin Hood der Kleins­parer. Sein Geld hat er zwar noch nicht, ist aber recht zuver­sichtlich. Und das auch für alle anderen Betrof­fe­nen.

Wie stark die Macht der Medien ist und wie zwiespältig sie genutzt wird, zeigt ein noch ganz anderes Beispiel: Seit Monaten schon narrt der Einzeldemon­strant Manuel Dör­sam die erste Garde deutscher Nachricht­en­magazine:
Mit Plakatak­tio­nen gegen die „Steuergeld­ver­bren­nung“ vor dem Bun­destag und ähn­lichen gelang es ihm, in den jew­eili­gen Nachricht­en­beiträ­gen optisch dominierend präsent zu sein und damit die Manip­ulier­barkeit von Bildern durchtrieben für sich zu nutzen. Das ist im Grunde nichts Neues.
In diesem Fall allerd­ings hat die Sache noch einen anderen Hin­ter­grund als bloße Kom­mu­nika­tion­s­gueril­lia: Dör­sam meint es ernst. Denn mit­tels der geziehlt erzeugten Aufmerk­samkeit gelang es ihm, seinen Unmut über poli­tis­che Lügen wie beispiel­sweise der des gebroch­enen Wahlver­sprechens der SPD-Lan­deschefin Andrea Ypsi­lati öffentlich effizient zu äußern – wirkungsvoller als jeder Leser­brief oder Kom­men­tar in Inter­net-Foren.

Freilich heißt der ein­same Demon­strant und Anwalt Manuel Dör­sam in Wirk­lichkeit anders: Sein wahrer Name ist Dirk Mirow und seit 2005 ist er Kan­zler der Muthe­sius Kun­sthochschule in Kiel.
Tre­f­fend nennt er seine Aktio­nen „Pro­jekt Pinoc­cio“ und trägt manch­mal soger die passende Maske mit langer Nase, die er den Medien gedreht hat.