Von Claus Bach, 23. April 2008, 11:26 Uhr

…aber durchaus absichtlich zeigte das Kommunale Kino „mon ami“ in Weimar am vergangenen Montag zwei Filme über die Befindlichkeit von Generationen 17 bis 18 jähriger, wie sie unterschiedlicher nicht sein können: Anfangs war der Erstlingsfilm des Theaterregisseurs Peter Zadek mit dem Titel „Ich bin ein Elefant, Madame“ aus dem Jahr 1968 zu sehen, anschließend „Meer is nich“ – ebenfalls Debüt des Regisseurs Hagen Keller aus dem Jahr 2008.

Glatte vierzig Jahre liegen zwischen beiden Filmen – doch noch größer als der temporärer Abstand ist ihr krasser inhaltlicher Gegensatz, und dass in jeder Hinsicht: Während Zadek die Kämpfe und Konflikte einer Gruppe von Abiturienten mit Lehrern und Umfeld in einem Bremer Gymnasium der späten sechziger Jahre beschreibt, erzählt Hagen Kellers Film etwas über immerwährende Lebens- Entscheidungswehen seiner Einzel-Protagonistin. Gruppe versus Individuum.
Im Film „Ich bin ein Elefant, Madame“- der Titel ist eine Abwandlung des bekannten deutschen Schlagers „Ich küsse Ihre Hand, Madame“- wird der damalige Generationenkonflikt mit ausserordentlich bizzaren und grotesken flimischen Mitteln auf den Punkt gebracht, wobei keine Seite ungeschoren davonkommt: Beispielsweise etwa dann, wenn ein Indianer mit Speer seinen eigenen ekstatischen Kriegstanz zwischen den Reihen von Polizei und Jung-Demonstranten vollführt oder ein Abiturient aus Protest gegen die NS-Vergangenheit einiger Lehrer ein Hakenkreuz an die Außenwand des Gymnasiums malt. Zudem verleiht die collagenhafte Schnittechnik dem Film etwas beunruhigend-zeitloses. Sowas würde heute unter der Rubrik „Pop – Ästhetik“ laufen.

Geradezu ernüchternd macht dagegen Hagen Kellers „Meer is nich“ seinem Titel alle Ehre: Mehr ist eben offensichtlich Anfang des 21. Jahrhunderts nicht zu erzählen als die einfühlsame Geschichte eines weiblichen Teenagers, der vor allem mit sich selbst und seiner Zukunft hadert: Ein musikalischer Handlungsklassiker, der immer gern genommen wird, selbstverständlich den kompatiblen Elternkonflikt einbezieht und leider zu schnell ahnen läßt, wie die Story ausgeht – nämlich offen. Trommel Dich frei.

Und das alles wird noch dazu in derart romantisierenden und perfekt geschnittenen Bildern erzählt, daß man den beschriebenen Individualkonflikt und sein Umfeld fast vergißt. Aber vielleicht ist das auch Absicht. Was zu dem gewagtem Fazit führen könnte: Abseits nostalgischer Verklärung ging es in den sechziger Jahren wohl doch noch um mehr als der bloßen zeitgenössisch-enthemmten Selbstdarstellung respektive Verwirklichung.

Heute ist Schicht im Schacht, sozusagen – oder auch nicht? Mein Tipp: Das kommunale Kino „mon ami“ sollte besagten Film-Doppler getrost mal eine ganze Woche laufen lassen – als Aufklärungsveranstaltung für ein – mittlerweile – generationsübergreifendes Publikum.

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