Meer oder weniger…

…aber dur­chaus absichtlich zeigte das Kom­mu­nale Kino „mon ami“ in Weimar am ver­gan­genen Mon­tag zwei Filme über die Befind­lichkeit von Gen­er­a­tio­nen 17 bis 18 jähriger, wie sie unter­schiedlicher nicht sein kön­nen: Anfangs war der Erstlings­film des The­ater­regis­seurs Peter Zadek mit dem Titel „Ich bin ein Ele­fant, Madame“ aus dem Jahr 1968 zu sehen, anschließend „Meer is nich“ – eben­falls Debüt des Regis­seurs Hagen Keller aus dem Jahr 2008.

Glatte vierzig Jahre liegen zwis­chen bei­den Fil­men – doch noch größer als der tem­porärer Abstand ist ihr krasser inhaltlicher Gegen­satz, und dass in jeder Hin­sicht: Während Zadek die Kämpfe und Kon­flikte einer Gruppe von Abi­turi­en­ten mit Lehrern und Umfeld in einem Bre­mer Gym­na­sium der späten sechziger Jahre beschreibt, erzählt Hagen Kellers Film etwas über immer­währende Lebens- Entschei­dungswe­hen seiner Einzel-Pro­tag­o­nistin. Gruppe ver­sus Indi­viduum.
Im Film „Ich bin ein Ele­fant, Madame“- der Titel ist eine Abwand­lung des bekan­nten deutschen Schlagers „Ich küsse Ihre Hand, Madame“- wird der dama­lige Gen­er­a­tio­nenkon­flikt mit ausseror­dentlich biz­zaren und grotesken flim­is­chen Mit­teln auf den Punkt gebracht, wobei keine Seite ungeschoren davonkommt: Beispiel­sweise etwa dann, wenn ein Indi­aner mit Speer seinen eige­nen eksta­tis­chen Kriegstanz zwis­chen den Rei­hen von Polizei und Jung-Demon­stran­ten vollführt oder ein Abi­turi­ent aus Protest gegen die NS-Ver­gan­gen­heit einiger Lehrer ein Hak­enkreuz an die Außen­wand des Gym­na­si­ums malt. Zudem ver­leiht die col­la­gen­hafte Schnit­tech­nik dem Film etwas beun­ruhi­gend-zeit­loses. Sowas würde heute unter der Rubrik „Pop – Ästhetik“ laufen.

Ger­adezu ernüchternd macht dage­gen Hagen Kellers „Meer is nich“ seinem Titel alle Ehre: Mehr ist eben offen­sichtlich Anfang des 21. Jahrhun­derts nicht zu erzählen als die ein­fühlsame Geschichte eines weib­lichen Teenagers, der vor allem mit sich selbst und seiner Zukunft hadert: Ein musikalis­cher Hand­lungsklas­siker, der immer gern genom­men wird, selb­stver­ständlich den kom­pat­i­blen Elternkon­flikt ein­bezieht und lei­der zu schnell ahnen läßt, wie die Story aus­geht – näm­lich offen. Trom­mel Dich frei.

Und das alles wird noch dazu in der­art roman­tisieren­den und per­fekt geschnit­te­nen Bildern erzählt, daß man den beschriebe­nen Indi­vid­u­alkon­flikt und sein Umfeld fast vergißt. Aber vielle­icht ist das auch Absicht. Was zu dem gewagtem Fazit führen kön­nte: Abseits nos­tal­gis­cher Verk­lärung ging es in den sechziger Jahren wohl doch noch um mehr als der bloßen zeit­genös­sisch-enthemmten Selb­st­darstel­lung respek­tive Ver­wirk­lichung.

Heute ist Schicht im Schacht, sozusagen – oder auch nicht? Mein Tipp: Das kom­mu­nale Kino »mon ami« sollte besagten Film-Doppler get­rost mal eine ganze Woche laufen lassen – als Aufk­lärungsver­anstal­tung für ein – mit­tler­weile – gen­er­a­tionsüber­greifendes Pub­likum.