Von Claus Bach, 13. Oktober 2017, 11:16 Uhr

„Es war Zwiebelmarkt in Weimar. Endlich mal was los! Die einzigen Tage im Jahr, wo dieses verpennte Nest unweit des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald nach 18 Uhr lebendig wirkt…“,
Das schrieb der in Weimar aufgewachsene und heute in Berlin lebende Autor Frank Willmann zu Beginn seiner erfrischenden Polemik, welche in der Sport – Rubrik der Zeitung „Junge Welt“ vom Oktober 2006 unter dem
Titel „Aus den Unterklassen. Mit Gott und den Genossen“ zu lesen war.
Und nach einem allgemeinen Verbalrundumschlag bezüglich immerwährender Verhaltensgepflogenheiten von Besuchern und Eingeborenen während des Traditionsvolksfests schlägt er den Bogen vom „Weimarer Stadtlauf“ zu früheren DDR – Zeiten.
Im Speziellen die der sogenannten GST. Diese „Gesellschaft für Sport und Technik“ war bekanntlich jene paramilitärische Jugendorganisation, bei der man für wenig Geld die Fahrerlaubnis für alle fast möglichen Kraftfahrzeuge erwerben konnte. Dafür allerdings wurde man im Gegenzug lebender Statist öffentlicher Großveranstaltungen jener Organisation. Und umständehalber Anwärter späterer militärischer Laufbahnen.

Auch hatte es damals seine Schleuder mit dem Straßenfest für alle. Denn langhaarige Tramper und „auffällig dekadente Elemente“ wurden zu DDR – Zeiten schon am Bahnhof oder an den Zufahrtstraßen der Stadt aussortiert und zurück geschickt. Sofern sie kein Übernachtungsquartier nachweisen konnten. Die Wiesen in der Stadt wässerte die Feuerwehr, um sie unbesetzbar zu machen. Der Staat legte Wert auf ein positives Erscheinungsbild seines sozialistischen Volksfests.

Heute ist das freilich anders. Das Traditionsfest in der Kleinstadt schafft materielle Einkommensmöglichkeiten zum gegenseitigen Nutzen für alle Beteiligten. Angefangen von den Heldrunger Zwiebelbauern bis hin zu explizit angereisten Händlern, Rockbands und Literaten. In jeder Beziehung zweckorientiert, größer und perfekter.

So ermöglicht die dreiteilige Blechkonstruktion eines Fleischereigeschäfts die synchrone Herstellung des Thüringer Bratguts. Bestehend aus einem Wurst- und zwei Brätelrosten. Das verkürzt die Wartezeiten.
Wenn das nicht zeitgenössisch effektiv ist. Und es wird auch dieses Jahr wieder gut aussehen.
In Verbindung mit dem zu erwartendem Kundenandrang kann sich das Ganze rasch zur interaktiven Performance entwickeln.
Oder, anders ausgedrückt:
Ein Volksfest in einer Kleinstadt ist ein Volksfest in einer Kleinstadt ist ein Volksfest in einer Kleinstadt.

 

Sie können jederzeit einen eigenen Kommentar mit Hilfe des Formulars am Seitenende hinzufügen.

Bisher keine Kommentare zum Artikel

  1. Bisher keine Kommentare

Kommentiere den Artikel

SPAM-Schutz
Wenn Du kein SPAM-Bot bist,
fülle bitte dieses Feld aus. *
Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.



Kommentare zu diesem Artikel über RSS 2.0-Feed verfolgen