Nasse Wiesen

»Es war Zwiebel­markt in Weimar. Endlich mal was los! Die einzi­gen Tage im Jahr, wo dieses ver­pen­nte Nest unweit des ehe­ma­li­gen Konzen­tra­tionslagers Buchen­wald nach 18 Uhr lebendig wirkt…“,
Das schrieb der in Weimar aufgewach­sene und heute in Berlin lebende Autor Frank Will­mann zu Beginn seiner erfrischen­den Polemik, welche in der Sport – Rubrik der Zeitung „Junge Welt“ vom Okto­ber 2006 unter dem
Titel „Aus den Unterk­lassen. Mit Gott und den Genossen“ zu lesen war.
Und nach einem all­ge­meinen Ver­bal­run­dum­schlag bezüglich immer­währen­der Ver­hal­tens­gepflo­gen­heiten von Besuch­ern und Einge­bore­nen während des Tra­di­tionsvolks­fests schlägt er den Bogen vom „Weimarer Stadt­lauf“ zu früheren DDR – Zeiten.
Im Speziellen die der soge­nan­nten GST. Diese „Gesellschaft für Sport und Tech­nik“ war bekan­ntlich jene paramil­itärische Jugen­dor­gan­i­sa­tion, bei der man für wenig Geld die Fahrerlaub­nis für alle fast möglichen Kraft­fahrzeuge erwer­ben kon­nte. Dafür allerd­ings wurde man im Gegen­zug leben­der Sta­tist öffentlicher Großver­anstal­tun­gen jener Organ­i­sa­tion. Und umstän­de­hal­ber Anwärter späterer mil­itärischer Lauf­bah­nen.

Auch hatte es damals seine Schleuder mit dem Straßen­fest für alle. Denn lang­haarige Tram­per und „auf­fäl­lig dekadente Ele­mente“ wur­den zu DDR – Zeiten schon am Bahn­hof oder an den Zufahrt­straßen der Stadt aus­sortiert und zurück geschickt. Sofern sie kein Über­nach­tungsquartier nach­weisen kon­nten. Die Wiesen in der Stadt wässerte die Feuer­wehr, um sie unbe­set­zbar zu machen. Der Staat legte Wert auf ein pos­i­tives Erschei­n­ungs­bild seines sozial­is­tis­chen Volks­fests.

Heute ist das freilich anders. Das Tra­di­tions­fest in der Kle­in­stadt schafft materielle Einkom­mensmöglichkeiten zum gegen­seit­i­gen Nutzen für alle Beteiligten. Ange­fan­gen von den Hel­drunger Zwiebel­bauern bis hin zu explizit angereis­ten Händlern, Rock­bands und Lit­er­aten. In jeder Beziehung zweck­o­ri­en­tiert, größer und per­fek­ter.

So ermöglicht die dre­it­eilige Blechkon­struk­tion eines Fleis­chereigeschäfts die syn­chrone Her­stel­lung des Thüringer Bratguts. Beste­hend aus einem Wurst- und zwei Brätel­rosten. Das verkürzt die Wartezeiten.
Wenn das nicht zeit­genös­sisch effek­tiv ist. Und es wird auch dieses Jahr wieder gut ausse­hen.
In Verbindung mit dem zu erwarten­dem Kun­de­nan­drang kann sich das Ganze rasch zur inter­ak­tiven Per­for­mance entwick­eln.
Oder, anders aus­ge­drückt:
Ein Volks­fest in einer Kle­in­stadt ist ein Volks­fest in einer Kle­in­stadt ist ein Volks­fest in einer Kle­in­stadt.