Neue Osterbilder

DPA-Mel­dung vom 28. März 2001: »Lon­don. Die britis­che BBC hat mit Com­put­er­hilfe ein Foto von Jesus gemacht. Grund­lage war der Schädel eines Mannes, der etwa zur gle­ichen zeit wie Jesus Chris­tus gelebt haben soll. Das Bild zeigt Jesus als ori­en­tal­is­chen Typ mit buschi­gen Augen­brauen, kurzem Haar und Voll­bart. Herkömm­liche west­liche Darstel­lun­gen zeigen Jesus eher mit lan­gen Haaren und ide­al­isierten, feinen Gesicht­szü­gen. Die BBC will das com­put­era­n­imierte Jesus-Bild für die neue Fernsehserie »Son of God« nutzen. Der zur Rekon­struk­tion benutzte Schädel wurde bei Straßen­bauar­beiten in Jerusalem gefun­den. Israelis­che Archäolo­gen hät­ten den Ort als eine jüdis­che Begräb­nis­stätte aus dem 1. Jahrhun­dert iden­ti­fiziert. Der Pro­duzent der TV-Serie, Jean Claude Bagard, räumte ein, dass es sich nicht um den Schädel von Jesus han­dele. »Aber es ist ein Anstoß, erneut darüber nachzu­denken, wie Jesus aus­ge­se­hen haben kön­nte.«
In der Tat ken­nen wir nur das im Text beschriebene Chris­tus-Bild mit lan­gen Haaren und feinen Gesicht­szü­gen und es wirkt schon wie ein medi­aler Kurz­schluß, wenn man in das com­puter-rekon­stru­ierte Antlitz eines Zeitgenossen von Jesus blickt. Die Bil­dun­ter­schrift »ori­en­tal­isch ausse­hend« bringt das Ganze in etwas zurück­hal­tender Form auf den Punkt. Wirkt das Porträt doch sehr authen­tisch, fast zeit­genös­sisch:

Dieser neue Chris­tus kön­nte glatt als Bewohner der heuti­gen ara­bis­chen Welt durchge­hen. Was ja auch unge­fähr geografisch zusam­men­passt – glaubt man den Orten, an denen die Geschichten der Bibel spie­len.
Was wiederum bedeuten würde, dass wir mit der bish­eri­gen Chris­tus-Darstel­lung der his­torisch ersten faust­dicken Bilder­lüge aufge­sessen sind. Freilich ist diese Erken­nt­nis so neu nicht und es ist kein Geheim­nis, dass Heili­gen-Darstel­lun­gen selb­stver­ständlich verk­lären mussten – wur­den sie doch meist im kirch­lichen Auf­trag mit ein­deutiger Funk­tion geschaf­fen. Eine real­is­tis­che wie die des berühmten »Isen­heimer Altars« des Malers Matthias Grünewald, welcher einen echt lei­den­den Chris­tus am Kreuz zeigt, waren provozierende Aus­nahme und ließen zusät­zlich Mär­tyrer-Inter­pre­ta­tion­sspiel­raum zu.
Schon immer ist das Chris­tus-Bild entsprechend benutzerdefiniert gewe­sen. Eine erste Renais­sance erlebte es in den sechziger Jahren des zwanzig­sten Jahrhun­derts: Die Flow­er­power-Gen­er­a­tion hatte ihren Front­mann und die Rock­oper »Jesus Christ, Super­star« machte die Bibel plöt­zlich szene­tauglich. Und zu den Rave-Events der neun­ziger Jahre gebierten sich die umjubel­ten DJs wie der per­son­ifizierte Verkün­der: »You’re all my chil­drens!« Kür­zlich lief im TV ein Bericht über eine Skin­head-Band, die das Vaterunser als Song­text zele­bri­erten und das als Hal­tung auch ganz ernst mein­ten. Und der sicher gut gemeinte Slo­gan »Auch Jesus Chris­tus war Aus­län­der« klingt noch nach­haltig in unseren Ohren – von den unver­mei­dlichen Nutzbar­ma­chun­gen durch die Wer­bein­dus­trie ganz zu schweigen. Es gibt keine, aber auch keine visuelle Blau­pause, die nicht global über­stra­pazierter instru­men­tal­isiert wor­den ist.
Seien wir also ges­pannt auf die näch­ste kom­pat­i­ble Chris­tus-Kam­pagne.

Dick ist die Bibel und es gibt viel zu benutzen – packen wirs an! Frohe Ostern.