Von Claus Bach, 11. April 2001, 11:04 Uhr

DPA-Meldung vom 28. März 2001: „London. Die britische BBC hat mit Computerhilfe ein Foto von Jesus gemacht. Grundlage war der Schädel eines Mannes, der etwa zur gleichen zeit wie Jesus Christus gelebt haben soll. Das Bild zeigt Jesus als orientalischen Typ mit buschigen Augenbrauen, kurzem Haar und Vollbart. Herkömmliche westliche Darstellungen zeigen Jesus eher mit langen Haaren und idealisierten, feinen Gesichtszügen. Die BBC will das computeranimierte Jesus-Bild für die neue Fernsehserie „Son of God“ nutzen. Der zur Rekonstruktion benutzte Schädel wurde bei Straßenbauarbeiten in Jerusalem gefunden. Israelische Archäologen hätten den Ort als eine jüdische Begräbnisstätte aus dem 1. Jahrhundert identifiziert. Der Produzent der TV-Serie, Jean Claude Bagard, räumte ein, dass es sich nicht um den Schädel von Jesus handele. „Aber es ist ein Anstoß, erneut darüber nachzudenken, wie Jesus ausgesehen haben könnte.“
In der Tat kennen wir nur das im Text beschriebene Christus-Bild mit langen Haaren und feinen Gesichtszügen und es wirkt schon wie ein medialer Kurzschluß, wenn man in das computer-rekonstruierte Antlitz eines Zeitgenossen von Jesus blickt. Die Bildunterschrift „orientalisch aussehend“ bringt das Ganze in etwas zurückhaltender Form auf den Punkt. Wirkt das Porträt doch sehr authentisch, fast zeitgenössisch:

Dieser neue Christus könnte glatt als Bewohner der heutigen arabischen Welt durchgehen. Was ja auch ungefähr geografisch zusammenpasst – glaubt man den Orten, an denen die Geschichten der Bibel spielen.
Was wiederum bedeuten würde, dass wir mit der bisherigen Christus-Darstellung der historisch ersten faustdicken Bilderlüge aufgesessen sind. Freilich ist diese Erkenntnis so neu nicht und es ist kein Geheimnis, dass Heiligen-Darstellungen selbstverständlich verklären mussten – wurden sie doch meist im kirchlichen Auftrag mit eindeutiger Funktion geschaffen. Eine realistische wie die des berühmten „Isenheimer Altars“ des Malers Matthias Grünewald, welcher einen echt leidenden Christus am Kreuz zeigt, waren provozierende Ausnahme und ließen zusätzlich Märtyrer-Interpretationsspielraum zu.
Schon immer ist das Christus-Bild entsprechend benutzerdefiniert gewesen. Eine erste Renaissance erlebte es in den sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts: Die Flowerpower-Generation hatte ihren Frontmann und die Rockoper „Jesus Christ, Superstar“ machte die Bibel plötzlich szenetauglich. Und zu den Rave-Events der neunziger Jahre gebierten sich die umjubelten DJs wie der personifizierte Verkünder: „You’re all my childrens!“ Kürzlich lief im TV ein Bericht über eine Skinhead-Band, die das Vaterunser als Songtext zelebrierten und das als Haltung auch ganz ernst meinten. Und der sicher gut gemeinte Slogan „Auch Jesus Christus war Ausländer“ klingt noch nachhaltig in unseren Ohren – von den unvermeidlichen Nutzbarmachungen durch die Werbeindustrie ganz zu schweigen. Es gibt keine, aber auch keine visuelle Blaupause, die nicht global überstrapazierter instrumentalisiert worden ist.
Seien wir also gespannt auf die nächste kompatible Christus-Kampagne.

Dick ist die Bibel und es gibt viel zu benutzen – packen wirs an! Frohe Ostern.

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