Von Claus Bach, 5. November 2014, 11:05 Uhr

Spätestens 25 Jahre nach der friedlichen Revolution in der DDR
ist das Jubiläum nun beinahe vollends im Freiheitspathos verendet. Freilich wird dabei auch der Fall des antifaschistischen Schutzwalls durchgenommen. Wohin man blickt hagelt es Ausstellungen, Veranstaltungen und filmische Beiträge unterschiedlichster Couleur.
Ein bunter medialer Strauß aus romantisierender Erinnerung, aber auch vergegenwärtigter Erfahrung.

Wobei manche Veranstalter die Sache schlicht zur eigenen Selbstdarstellung durch Aufklärung nutzen. Dagegen ist im Grunde auch nichts einzuwenden. Solange das Ganze nicht in wiederholte Penetranz ausartet.

Doch spannend bleibt es immer dann, wenn neue historische Fakten und Zeitzeugen auftauchen. Manchmal wie aus dem Nichts. Ein Klassiker.

So auch in Weimar. Denn seit dem 28. September 2014 ist die Ausstellung „Weimar unangepasst“ im örtlichen Stadtmuseum zu sehen.

Erstmals wurde eine ausführliche Recherche widerständigen Verhaltens in der Klassikerstadt präsentiert. Von den Anfängen der 1950iger bis zum Ende der 1980iger Jahre. Also die komplette DDR – Zeit. Dabei besteht die herausragendste Leistung des Kuratoren Axel Stefek darin, vergessene Aktivisten zum Gespräch einzuladen.

Rainer Hoefer ist einer von ihnen. In den 1970iger Jahren war er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der damaligen „Hochschule für Architektur und Bauwesen Weimar“. Am 12. Dezember 1978 formulierte er einen äußerst kritischen Brief über die bedrückenden Alltagszustände in der damaligen DDR. Und adressierte ihn an den Staatsrats – und Parteivorsitzenden Erich Honecker persönlich.

In der Wahrnehmung seines verfassungsmäßig garantierten Rechts auf Meinungsfreiheit. Das nahm seine Generation noch sehr ernst.

Was aus heutiger Sicht normal scheint, galt damals schlicht als verrückt. Oder besser: Ungemein mutig. Waren doch die Folgen in Form persönlicher und beruflicher Schikane absehbar.
Denn selbstverständlich reagierte die Diktatur entsprechend harsch und erklärte ihn zum Staatsfeind. Zumal besagter Brief dann noch in Presse des Klassenfeinds, im „Spiegel“, veröffentlicht wurde.

In einem internen Schauprozess wurde Hoefer zu viereinhalb Jahren Haft abgeurteilt. Nach zwei verbüßten Knast – Jahren schob man ihn dann per Freikauf samt Familie in die Bundesrepublik ab.

Am vergangenen Dienstag besuchte Reiner Hoefer nach über 30 Jahren erstmals wieder Weimar und erzählte aus jener Zeit. In ausgesprochen nüchterner Art.

In diesen Momenten wird Zeitgeschichte außerordentlich lebendig und schafft die Verbindung zur Gegenwart. Das mag banal klingen, kann mitunter aber sehr weh tun. Und genau das ist das Besondere.
Fernab von Freiheitspathos und inflationär präsentierten Revolutions – Haushaltskerzen.

Die Ausstellung „Weimar unangepasst“ ist noch bis zum 01. Februar 2015 zu sehen.
Wer sie verpasst, kann die gleichnamige ausführliche Publikation der Reihe „Weimarer Schriften“ im Stadtmuseum erwerben.

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