Revolutionslametta

Spätestens 25 Jahre nach der friedlichen Rev­o­lu­tion in der DDR
ist das Jubiläum nun beinahe vol­lends im Frei­heitspathos veren­det. Freilich wird dabei auch der Fall des antifaschis­tis­chen Schutzwalls durchgenom­men. Wohin man blickt hagelt es Ausstel­lun­gen, Ver­anstal­tun­gen und filmis­che Beiträge unter­schiedlich­ster Couleur.
Ein bunter medi­aler Strauß aus roman­tisieren­der Erin­nerung, aber auch verge­gen­wär­tigter Erfahrung.

Wobei manche Ver­anstal­ter die Sache schlicht zur eige­nen Selb­st­darstel­lung durch Aufk­lärung nutzen. Dage­gen ist im Grunde auch nichts einzuwen­den. Solange das Ganze nicht in wieder­holte Pen­e­tranz ausartet.

Doch span­nend bleibt es immer dann, wenn neue his­torische Fak­ten und Zeitzeu­gen auf­tauchen. Manch­mal wie aus dem Nichts. Ein Klas­siker.

So auch in Weimar. Denn seit dem 28. Sep­tem­ber 2014 ist die Ausstel­lung „Weimar unangepasst“ im örtlichen Stadt­mu­seum zu sehen.

Erst­mals wurde eine aus­führliche Recherche wider­ständi­gen Ver­hal­tens in der Klas­sik­er­stadt präsen­tiert. Von den Anfän­gen der 1950iger bis zum Ende der 1980iger Jahre. Also die kom­plette DDR – Zeit. Dabei besteht die her­aus­ra­gend­ste Leis­tung des Kura­toren Axel Ste­fek darin, vergessene Aktivis­ten zum Gespräch einzu­laden.

Rainer Hoe­fer ist einer von ihnen. In den 1970iger Jahren war er wis­senschaftlicher Mitar­beiter an der dama­li­gen „Hochschule für Architek­tur und Bauwe­sen Weimar“. Am 12. Dezem­ber 1978 for­mulierte er einen äußerst kri­tis­chen Brief über die bedrück­enden All­t­agszustände in der dama­li­gen DDR. Und adressierte ihn an den Staat­srats – und Parteivor­sitzen­den Erich Honecker per­sön­lich.

In der Wahrnehmung seines ver­fas­sungsmäßig garantierten Rechts auf Mei­n­ungs­frei­heit. Das nahm seine Gen­er­a­tion noch sehr ernst.

Was aus heutiger Sicht nor­mal scheint, galt damals schlicht als ver­rückt. Oder besser: Unge­mein mutig. Waren doch die Fol­gen in Form per­sön­licher und beru­flicher Schikane abse­hbar.
Denn selb­stver­ständlich reagierte die Dik­tatur entsprechend harsch und erk­lärte ihn zum Staats­feind. Zumal besagter Brief dann noch in Presse des Klassen­feinds, im „Spiegel“, veröf­fentlicht wurde.

In einem inter­nen Schauprozess wurde Hoe­fer zu viere­in­halb Jahren Haft abgeurteilt. Nach zwei ver­büßten Knast – Jahren schob man ihn dann per Freikauf samt Fam­i­lie in die Bun­desre­pub­lik ab.

Am ver­gan­genen Dien­stag besuchte Reiner Hoe­fer nach über 30 Jahren erst­mals wieder Weimar und erzählte aus jener Zeit. In aus­ge­sprochen nüchterner Art.

In diesen Momenten wird Zeit­geschichte außeror­dentlich lebendig und schafft die Verbindung zur Gegen­wart. Das mag banal klin­gen, kann mitunter aber sehr weh tun. Und genau das ist das Beson­dere.
Fernab von Frei­heitspathos und infla­tionär präsen­tierten Rev­o­lu­tions – Haushaltskerzen.

Die Ausstel­lung „Weimar unangepasst“ ist noch bis zum 01. Feb­ruar 2015 zu sehen.
Wer sie ver­passt, kann die gle­ich­namige aus­führliche Pub­lika­tion der Reihe »Weimarer Schriften« im Stadt­mu­seum erwer­ben.