Von Claus Bach, 26. Oktober 2016, 10:30 Uhr

„Wenn Sie einen Termin vereinbaren, lächeln Sie schon beim Wählen der Telefonnummer.“ Das war bereits im Jahre 1993 in einem Beraterhandbuch für Verkaufsberater in Sachen Holztreppen zu lesen. Im Speziellen wurden dann einige psychologische Hinweise für besagte Berater während des Verkaufsgespräches gegeben: Das nicht zu aufdringliche Lächeln während des Gesprächs war freilich Hauptbestandteil der damaligen Dramaturgie.
Reichlich 20 Jahre später hat die Angelegenheit freilich eine zünftige mediale Weiterentwicklung erlebt.
Selbstverständlich wird benutzerdefiniert weitergelächelt. Aber nicht mehr nur zu Akquisezwecken. Heute dient sowas auch der zielorientierten Selbstoptimierung und dergleichen.
Genau das hat sich die Künstlerin Anna Witt als Konzept zu Eigen gemacht und die Angelegenheit ausgiebig zelebriert.
In ihrer Zweikanal – Videoinstallation „Sixty minutes smiling“ kann man nun eine Gruppe förmlich – seriös gekleideter männlicher und weiblicher Personen sehen, welche für 60 Minuten permanent in die Kamera lächeln. Ergänzt wird die Sache durch einen zweiten Bildschirm, welcher die Detailaufnahmen der lächelnden Akteure zeigt.
Freilich ist das befremdlich und irgendwie unangenehm. Denn man sieht nichts anderes als die schiere Kommerziaisierung von Emotionen. Einzig und allein der zweckgebundenen Selbstdarstellung geschuldet.
Im Kampf um möglichst herausragende Aufmerksamkeit. Immer mit dem Ziel, ein Alleinstellungsmerkmal zu leben.
Alle Achtung also. So lautet denn auch der Titel der aktuellen Ausstellung in der ACC – Galerie, welche sich diesem zeitgenössischen Phänomen ausgiebig nähert.
Anna Witt ist eine von acht ausstellenden Künstlerinnen und Künstlern.
A propos Künstler:
Gerade jene Berufsgruppe ist eine der Profis unter den Selbstdarstellern.
In diesem Bereich geht bekanntlich nichts ohne die klassische Performance als klassische Rampensau.
Auch das wird selbstreflektierend in der Ausstellung vorgeführt. Und nicht immer zum Besten der Akteure. In Form enthemmter Selbstironie – oder Vorführe, wenn man so will:
Sei es eine lange Wand mit ausschließlich Logos zeitgenössischer Kunstverkaufsmessen – oder Bienalen. Als prima Fotohintergrund für Kunst – Catwalks. Oder auch das Video der Kaffepause verschiedener Doubles zeitgenössischer Medienpromis im Abteil einer U -Bahn.
Die außerordentlich kluge und durchtriebene Show ist noch bis 19. Januar 2017 in der ACC – Galerie zu sehen.

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