Vergiss Weimar!

Aus­nahm­sweise ist das mal nicht die Wieder­gabe einer örtlichen Erfahrung. Vielmehr han­delt es sich um den Titel einer Ausstel­lung, welche gegen­wär­tig in der Niet­zsche-Gedächt­nishalle zu sehen ist.
Etwa vierzig Studierende der Fakultät Medien der Bauhaus-Uni­ver­sität tauchen in die His­to­rie Weimars ein. Schon wieder! Das ist fast wie ein Bazil­lus.

Doch dies­mal ist die Sache anders. Denn nicht die üblichen Verdächti­gen der Klas­sik und Mod­erne wer­den durchgenom­men. Stattdessen unspek­takuläre, ver­bor­gene Schau­plätze und ihre vergesse­nen Geschichten. Orte des All­t­ags.

Zur besseren Recherche wurde zuerst der Stadt­plan Weimars in ein Raster aufgeteilt. Anhand dessen wur­den markante alltägliche Plätze und Geschichten der Ver­gan­gen­heit aufge­spürt. Und die gin­gen zum Schluss in eigene Pro­jekte ein. Her­aus­gekom­men ist ein Spek­trum von Bildergeschichten und Videos, die alltägliche Ver­gan­gen­heit unmit­tel­bar spür­bar wer­den lassen.

Aber auch direkte Ereignisse spie­len eine Rolle: Etwa dann, wenn eine Stu­dentin die ver­fal­l­ene Waldgast­stätte „Fasanerie“ im Weimarer Webicht neu belebt: Dazu lud sie ehe­ma­lige Betreiber und Gäste vor Ort ein und ließ sie bei Bier und Bratwurst über die alten Zeiten sprechen.

Ein anderes Video stellt die Biografie des let­zten Beruf­shenkers der DDR vor. Angelehnt an das Weimarer Areal „Am Gal­gen­berg“. Im Video erzählt freilich ein Schaus­pieler die Vita des Henkers aus der Ich -Per­spek­tive. Illus­tri­ert von DDR – All­t­ags­bildern.

Die Arbeit „Russen­liebchen“ ent­stand in einer ehe­ma­li­gen Kaserne am Stad­trand Weimars: Sie beleuchtet eine ver­botene Sit­u­a­tion in der DDR: Die der Liebes­beziehun­gen zwis­chen jun­gen DDR -Frauen und Ange­höri­gen der rus­sis­chen Armee. Die hießen damals „Russen­liebchen“ und waren all­seits geächtet. Geis­ter­haft sind nun solche deutsch -sow­jetis­chen Pärchen im Trüm­mer-Areal der Kaserne auf schwarz-weiß-Postkarten abge­bildet.

Urhe­ber dieses stu­den­tis­chen Pro­jekts ist der Kün­stler Julian Rose­feldt, derzeit Gast­pro­fes­sor an der hiesi­gen Uni. Er will es als „Blick hin­ter die Kulis­sen der Klas­sik­er­stadt“ ver­standen wis­sen. Und in der Tat wird man beim Besuch der Ausstel­lung außeror­dentlich fündig und neugierig.
Ein Kat­a­log ergänzt die Angele­gen­heit. Die Ausstel­lung ist bis zum 31. Okto­ber zu sehen: Dien­stag bis Son­ntag von 12.00 bis 18. Uhr.