Vier Stipendiaten und eine Jury

Show­down im Neuen Museum Weimar: Nach üppi­gen fünf Eröff­nungsre­den mit gefühlten zwei Stun­den war es let­zte Woche soweit:
Unter dem Titel „STIP.VISITE“ wur­den die Arbeiten der vier 2010-er Kun­st­stipen­di­aten des Lan­des Thürin­gen und der SV Sparkassen Ver­sicherung präsen­tiert. Aus­ge­sucht von einer selb­stver­ständlich kom­pe­ten­ten Fachjury. Deren per­son­elle Beset­zung zwar nie­mand kennt, dafür aber alle zwei Jahre per Rota­tion­sprinzip wech­selt. Und das ist auch gut so.

Denn was da aus­gewählt wurde, war erschreck­end und ver­störend lang­weilig. Schlichte Kun­sterzieher-Men­tal­iät.

Im Einzel­nen wie folgt:
Offen­sichtlich gibt es schon eine Art Stipen­di­aten – Bonus, wenn man verkohltes bedruck­tes Papier zwan­g­los ablichtet und dann in der Stadt der ange­bran­nten Her­zo­gin Anna-Amalia Bib­lio­thek zün­ftig fotoäs­thetisch aufar­beitet. Das beein­druckt. Aber natür­lich, fotografierte ver­bran­nte Tageszeitun­gen sind ja ein Ver­weis auf die Kur­zlebigkeit unserer infla­tionär – zeit­genös­sis­chen Medi­en­land­schaft und so weiter. Ähn­liche Pro­jekte wieder­holen sich seit Jahren außeror­dentlich pen­e­trant. Sowas auszuwählen ist nicht nur pein­lich, son­dern schlicht unbe­darft.

Und was zum Geier sollen die aus­tauschbaren Tages­licht-Porträts ver­störter Besucher/innen der Gedenkstätte Buchen­wald denn nun noch erzählen? Über­stra­pazierter geht kaum. Da helfen auch keine sel­te­nen New Yorker Däm­merungs­fo­tos (wie dilet­tan­tisch ist das denn) oder bedeu­tungss­chwer daherk­om­mende Innen­rau­mauf­nah­men.

Auch will sich ein wie auch immer angekündigtes „Erröten“ beim Betra­chten einiger sex­uell aufge­ladener Sado­maso-Klein­skulp­turen beim besten Willen nicht ein­stellen. Dafür sind sie viel zu nett und kön­nten in jedem Sexshop um die Ecke ste­hen.

Einziger kleiner Licht­blick:
Durchtriebene comichafte Sto­ries aus der Kun­st­geschichte, die gemeine Par­al­le­len zwis­chen der Vita des großen rus­sis­chen Kon­struk­tivis­ten Kasimir Male­witsch und der des Kun­st­dilet­tan­ten Adolf Hitler her­stellen.

Selb­stver­ständlich ist Kunst nicht mess­bar. Aber dur­chaus ver­gle­ich­bar. Den Künstler/innen kann man dabei am wenig­sten Vor­würfe machen. Umso mehr allerd­ings der Jury. Denn die muss es besser wis­sen. Sowas ist richtig ärg­er­lich, auch angesichts der gerin­gen Anzahl der Stipen­di­aten.

A pro­pos Anzahl: Im Jahre 1997 wur­den stolze neun Arbeitsstipen­dien für bildende Kunst in Thürin­gen vergeben, 1998 waren es immer­hin noch sechs. Seit 1999 ist diese Zahl auf ganze vier gesund geschrumpft.

Und was sagt das Kul­tus­min­is­terium dazu? Klare Antwort: In den anderen Bun­deslän­dern sind es auch nicht mehr. Basta.

Was war denn das? Eine faulere Ausrede gibt es wohl kaum. Unglaublich.

Das wird richtig schwierig mit dem Wach­s­tum zeit­genös­sisch – kul­tureller Poten­tiale vor Ort.
Im Übri­gen sollen die Arbeiten der näch­sten Stipen­di­aten des Freis­taats zukün­ftig immer im Neuen Museum aus­gestellt wer­den.

Na wenig­stens das. Der allerkle­in­ste gemein­same Nen­ner.

Die Ausstel­lung »STIP.VISITE« ist noch bis zum 20.März 2011 geöffnet:
Dien­stag bis Son­ntag, jew­eils von 11.00 bis 16.00 Uhr