Was ist Tonnografie?

Bis vor über einem Jahr gab es diesen Begriff nicht. Jetzt aber ist er mehr als nur pop­ulär und beze­ich­net das Fotografieren mit­tels Müll­tonne.

Die Idee dazu ent­stand in Ham­burg: Die städtis­che Mül­lab­fuhr hatte schon immer einen Hang zu eigensin­niger Reklame. Waren es bis dahin freche Sprüche, wurde nun die Fotografie -Obses­sion eines 61 jähri­gen Mitar­beit­ers real­isiert. Er und seine Kol­le­gen bauten eine 1100 liter Müll­tonne zur Cam­era Obskura um.

Was nichts anderes als eine klas­sis­che Lochkam­era ist: Zuerst wurde der Müll­con­tainer licht­dicht gemacht. Auf einer Seite bekam er ein Loch von ca 8mm, auf der gegenüber­liegen­den wurde schwarzweiss-Fotopa­pier  im For­mat 80 cm x 100 cm ange­bracht.

Und dann  gings auf die Fotopiste. Freilich nahm nun der einge­borene Ham­burger Müll­mann Roland Wil­helm seine städtis­chen Lieblingsplätze auf. Wobei ein wesentlicher Teil seiner Arbeit darin bestand, Pas­san­ten und Anlieger von der gewohn­ten vorgeschriebe­nen Benutzung der umge­bauten Tonne abzuhal­ten. Her­aus gekom­men sind äußerst eigene Stad­tauf­nah­men der Hans­es­tadt. Fast ein biss­chen sur­real.
Was freilich der Auf­nah­me­tech­nik geschuldet ist.

Die wiederum ist so alt wie die Fotografie und Bestandteil jeder klas­sis­chen Fotografe­naus­bil­dung. Also über­haupt nichts neues. In vie­len Fotografie -Work­shops wer­den alle möglichen Gefäße zur Lochkam­era umge­baut.

Doch wie so oft ist manch­mal das Etikett entschei­dend. Und das war neu, wenn man so will. Medial gese­hen jeden­falls. Denn den Begriff „Tonno­grafie“ prägte dann eine örtliche pop­uläre Wer­beagen­tur. Ganz der Arbeitsweise ihres fotografieren­den Mitar­beit­ers verpflichtet.

Und hatte damit Erflog in Cannes. Zum Wer­be­film-Fes­ti­val 2012 erhielt die Agen­tur „Scholz & Friends“ den Sil­ber­nen Löwen für diese Kam­pagne. Seit­dem wurde sie zum klas­sis­chen Selb­stläufer, der fotografierende Müll­mann neuer Star der analo­gen Müll­ton­nen – Lochkam­era.

Im ordinären Beruf­sleben ist allerd­ings mit den Mitar­beit­ern der Mül­lab­fuhr nicht zu spaßen: Nach­weis­bare Ver­stöße gegen die örtliche Entsorgungsverord­nung schla­gen ungewöhn­lich hoch zu Buche. Die Strafge­bühren für adressiertes Schrift­ma­te­r­ial, welches neben über­füll­ten Müll­ton­nen entsorgt wird, liegen gle­ich mal locker bei anfangs 250,00 €.

Das ist dann ein ganz anderer, freilich nicht so pop­ulärer Rekord.