Wirf sie hoch,

…die Kam­era! So und ähn­lich lautete das Motto der »Lomo­graphen«, welche heute fast in Vergessen­heit ger­aten sind. Wir erin­nern uns: Das war jene immer größer wer­dende Gruppe von Fotof­reaks und alle­samt begeis­terte Benutzer der SL-Idiotenkam­era „Lomo“ rus­sis­cher Bauart, die vor allem durch ihre tech­nis­chen Unzulänglichkeiten zur kreativen Fotoar­beit ger­adezu her­aus­forderte. Mitte der neun­ziger Jahre bildete diese Szene den Höhep­unkt diverser Fototech­nik- und Kun­stmessen: Am Stand der »Lomo­graphen« kon­nte man sich eine »Lomo« auslei­hen, losknipsen, die Bilder zur Sofor­ten­twick­lung geben, dann alles oder einen Teil für sich behal­ten und den Rest den »Lomo­graphen« zur weit­eren Ver­wen­dung über­lassen. Die drapierten die kleinen Bilder auf wohnz­im­mer­hohe Kulis­senwände zu über­grossen rasterähn­lichen Foto­tape­ten und machten es sich davor auf Wohnz­im­mers­es­seln, Couch nebst Fernse­htisch bequem. Eine schöne inter­ak­tive Sache. Das High­light im Umgang mit der »Lomo« bestand unter anderem in soge­nan­nten Wurf-oder auch Luft­bildern: Man stellte den Selb­staus­löser ein und warf danach das Gerät in die Luft, und fer­tig waren die schrill anzuse­hen­den ver­wis­chten und von rät­sel­haften far­bigen Lin­ien durch­zo­ge­nen Fotos. Das war hip und vor allem auch ein schaden­fro­her Schlag ins Gesicht der Fotokunst-Insze­nierungs­be­sesse­nen und Tech­nik-Puris­ten. Schon deren ent­geis­terte Gesichter beim Betra­chten der Lomo-Fotowände war der Spaß wert. Und nochdazu war die eigentliche Fotoak­tion weitaus wichtiger als das fer­tige Pro­dukt, der Weg das Ziel.
Doch irgend­wann war das Ende der berühmten Fah­nen­stange erre­icht: Trotz schrill­ster Präsen­ta­tion verkam die Angele­gen­heit im Laufe der Jahre zur Langeweile. Zu pen­e­trant war die Wieder­hol­ung immer der­sel­ben schrä­gen Kam­er­abilder, die Bewe­gung der Lomo­graphen reduzierte sich auf einen kleinen, aber sta­bilen Teil­nehmer­stamm.
Der Rest wäre dann freilich Schnee von gestern – wenn es nicht die unver­mei­dliche berühmte Entwick­lungsspi­rale gäbe. Mit anderen Worten: Die Angele­gen­heit setzt sich nun mit Dig­italk­a­m­eras fort. Am besten freilich mit denen, die eine fies lange Aus­lö­sev­erzögerung aufweisen. Ein Name war auch schnell gefun­den: „Kinetis­che Fotografie“ heißt die neueste Foto­sport-Mode, welche sich nun eben­falls auss­chließlich auf die reine Wurftech­nik und die daraus resul­tieren­den Bilder aus der Luft konzen­tri­ert. Ent­standen ist das Ganze wie so oft rein zufäl­lig: Der Tex­aner Ryan Gal­lagher ärg­erte sich wiedere­in­mal über die Unzulänglichkeiten seiner Bil­ligkam­era bei Nach­tauf­nah­men und warf das Gerät verärg­ert in die Luft – und just in diesem Moment löste es aus und pro­duzierte ein schön ver­wis­chtes Bild, beste­hend aus diversen rät­sel­haft geschwun­genen Farb­streifen und Lin­ien. Klar dass sich das Ganze bin­nen kurzer Zeit unter Foto-Kol­le­gen herum­sprach und rasch im Inter­net Schule machte. http://cameratoss.blogspot.com/ heißt nun das Por­tal, auf dem die neuesten ver­we­ge­nen Wurf­bilder begutachtet wer­den kön­nen.
Mit infla­tionärer Wieder­hol­ung, bis auch keiner diesen Bilder­brei mehr sehen kann. Weltweit.