Von Claus Bach, 14. Dezember 2005, 11:26 Uhr

…die Kamera! So und ähnlich lautete das Motto der „Lomographen“, welche heute fast in Vergessenheit geraten sind. Wir erinnern uns: Das war jene immer größer werdende Gruppe von Fotofreaks und allesamt begeisterte Benutzer der SL-Idiotenkamera „Lomo“ russischer Bauart, die vor allem durch ihre technischen Unzulänglichkeiten zur kreativen Fotoarbeit geradezu herausforderte. Mitte der neunziger Jahre bildete diese Szene den Höhepunkt diverser Fototechnik- und Kunstmessen: Am Stand der „Lomographen“ konnte man sich eine „Lomo“ ausleihen, losknipsen, die Bilder zur Sofortentwicklung geben, dann alles oder einen Teil für sich behalten und den Rest den „Lomographen“ zur weiteren Verwendung überlassen. Die drapierten die kleinen Bilder auf wohnzimmerhohe Kulissenwände zu übergrossen rasterähnlichen Fototapeten und machten es sich davor auf Wohnzimmersesseln, Couch nebst Fernsehtisch bequem. Eine schöne interaktive Sache. Das Highlight im Umgang mit der „Lomo“ bestand unter anderem in sogenannten Wurf-oder auch Luftbildern: Man stellte den Selbstauslöser ein und warf danach das Gerät in die Luft, und fertig waren die schrill anzusehenden verwischten und von rätselhaften farbigen Linien durchzogenen Fotos. Das war hip und vor allem auch ein schadenfroher Schlag ins Gesicht der Fotokunst-Inszenierungsbesessenen und Technik-Puristen. Schon deren entgeisterte Gesichter beim Betrachten der Lomo-Fotowände war der Spaß wert. Und nochdazu war die eigentliche Fotoaktion weitaus wichtiger als das fertige Produkt, der Weg das Ziel.
Doch irgendwann war das Ende der berühmten Fahnenstange erreicht: Trotz schrillster Präsentation verkam die Angelegenheit im Laufe der Jahre zur Langeweile. Zu penetrant war die Wiederholung immer derselben schrägen Kamerabilder, die Bewegung der Lomographen reduzierte sich auf einen kleinen, aber stabilen Teilnehmerstamm.
Der Rest wäre dann freilich Schnee von gestern – wenn es nicht die unvermeidliche berühmte Entwicklungsspirale gäbe. Mit anderen Worten: Die Angelegenheit setzt sich nun mit Digitalkameras fort. Am besten freilich mit denen, die eine fies lange Auslöseverzögerung aufweisen. Ein Name war auch schnell gefunden: „Kinetische Fotografie“ heißt die neueste Fotosport-Mode, welche sich nun ebenfalls ausschließlich auf die reine Wurftechnik und die daraus resultierenden Bilder aus der Luft konzentriert. Entstanden ist das Ganze wie so oft rein zufällig: Der Texaner Ryan Gallagher ärgerte sich wiedereinmal über die Unzulänglichkeiten seiner Billigkamera bei Nachtaufnahmen und warf das Gerät verärgert in die Luft – und just in diesem Moment löste es aus und produzierte ein schön verwischtes Bild, bestehend aus diversen rätselhaft geschwungenen Farbstreifen und Linien. Klar dass sich das Ganze binnen kurzer Zeit unter Foto-Kollegen herumsprach und rasch im Internet Schule machte. http://cameratoss.blogspot.com/ heißt nun das Portal, auf dem die neuesten verwegenen Wurfbilder begutachtet werden können.
Mit inflationärer Wiederholung, bis auch keiner diesen Bilderbrei mehr sehen kann. Weltweit.

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