Von Claus Bach, 13. August 2014, 11:05 Uhr

…die Mauer entlang. In Westberlin, im November 1986. Und malten einen weißen Strich in Augenhöhe drauf. So breit wie eine Malerrolle. Quer über alle anderen schrillbunten Mauermalereien und Graffitis. Auch vor einer des prominenten Künstlers Keith Haring machten sie nicht halt.

Das Ganze war eine Reaktion auf die Touristisierung der Berliner Mauer im Westen. Dort hatte sie längst ihren Schrecken verloren. Sie war zum sightseeing point geworden. Konträr zum Osten.

So verwiesen die fünf auf die brutale Teilung der Stadt. In subversiver, minimalistischer Art. Durch ihre DDR-Sozialisierung wurde aktionistische Konzeptkunst draus. Und der Anonymität halber trugen alle Masken aus Gips.

Was die Irritation auf beiden Seiten der Frontstadt komplett machte.

Leider erholte sich die Sozialistische zu schnell. Deren Kunstverständnis hielt sich buchstäblich in Grenzen. Nix mit Mauerperformance. Sie wertete die Angelegenheit als Verletzung ihres Antifaschistischen Schutzwalls. So ging die Sache nur einen Tag gut. Am nächsten wurde einer der Mauerstrichmaler durch eine kleine unscheinbare Eisentür ins DDR-Gebiet gezerrt.

Erneut geriet er in Stasi-Haft. Dort saß er vor zwei Jahren schon mal: 1984 wurde er in den Westen abgeschoben. Seine vier Freunde folgten ihm Monate später. Alle fünf stammten aus Weimar und galten als unerziehbar im Sinne des Sozialismus. Hatten Flugblätter zum Aufruf des Wahlboykotts in Arbeit. Diskutierten kritisch im Montagskreis der evangelischen Kirche. Was selbstverständlich als Herabwürdigung des ersten deutschen sozialistischen Staates gewertet wurde. Also das ganze Programm.

Nachsatz: Der inhaftierte Mauerstrichmaler wurde nach zwei Monaten im Jahre 1987 von der Bundesrepublik freigekauft.

Und der Initiator der Aktion entpuppte sich Jahzehnte später als ehemaliger IM der Staatssicherheit. Bittere Ironie jüngster deutscher Vergangenheit.

All das ist in der 2011 erschienenen Publikation „Der weiße Strich“ des Christoph Links Verlags nachzulesen. Vorbildlich recherchiert und außerordentlich empirisch beschrieben. Fernab narzistischer Selbstdarstellung. Selbst ein Interview mit dem damals agierenden DDR – Grenzsoldaten ist nachzulesen.

Herausgegeben von einem der damaligen Akteure und aufgeschrieben von seiner Lebensgefährtin, der Autorin Anne Hahn. Das Buch sollte zur Pflichtlektüre für den Unterricht in jüngster deutscher Geschichte werden.

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