Zogen einst fünf junge Ostler

…die Mauer ent­lang. In West­ber­lin, im Novem­ber 1986. Und mal­ten einen weißen Strich in Augen­höhe drauf. So breit wie eine Maler­rolle. Quer über alle anderen schrill­bun­ten Mauer­malereien und Graf­fi­tis. Auch vor einer des promi­nen­ten Kün­stlers Keith Har­ing machten sie nicht halt.

Das Ganze war eine Reak­tion auf die Touris­tisierung der Berliner Mauer im Westen. Dort hatte sie längst ihren Schrecken ver­loren. Sie war zum sight­see­ing point gewor­den. Kon­trär zum Osten.

So ver­wiesen die fünf auf die bru­tale Teilung der Stadt. In sub­ver­siver, min­i­mal­is­tis­cher Art. Durch ihre DDR-Sozial­isierung wurde aktion­is­tis­che Konzep­tkunst draus. Und der Anonymität hal­ber tru­gen alle Masken aus Gips.

Was die Irri­ta­tion auf bei­den Seiten der Frontstadt kom­plett machte.

Lei­der erholte sich die Sozial­is­tis­che zu schnell. Deren Kun­stver­ständ­nis hielt sich buch­stäblich in Gren­zen. Nix mit Mauer­per­for­mance. Sie wertete die Angele­gen­heit als Ver­let­zung ihres Antifaschis­tis­chen Schutzwalls. So ging die Sache nur einen Tag gut. Am näch­sten wurde einer der Mauer­strich­maler durch eine kleine unschein­bare Eisen­tür ins DDR-Gebiet gez­errt.

Erneut geriet er in Stasi-Haft. Dort saß er vor zwei Jahren schon mal: 1984 wurde er in den Westen abgeschoben. Seine vier Fre­unde fol­gten ihm Monate später. Alle fünf stammten aus Weimar und gal­ten als unerziehbar im Sinne des Sozial­is­mus. Hat­ten Flug­blät­ter zum Aufruf des Wahlboykotts in Arbeit. Disku­tierten kri­tisch im Mon­tagskreis der evan­ge­lis­chen Kirche. Was selb­stver­ständlich als Her­ab­würdi­gung des ersten deutschen sozial­is­tis­chen Staates gew­ertet wurde. Also das ganze Pro­gramm.

Nach­satz: Der inhaftierte Mauer­strich­maler wurde nach zwei Monaten im Jahre 1987 von der Bun­desre­pub­lik freigekauft.

Und der Ini­tia­tor der Aktion ent­pup­pte sich Jahzehnte später als ehe­ma­liger IM der Staatssicher­heit. Bit­tere Ironie jüng­ster deutscher Ver­gan­gen­heit.

All das ist in der 2011 erschiene­nen Pub­lika­tion „Der weiße Strich“ des Christoph Links Ver­lags nachzule­sen. Vor­bildlich recher­chiert und außeror­dentlich empirisch beschrieben. Fernab narzis­tis­cher Selb­st­darstel­lung. Selbst ein Inter­view mit dem damals agieren­den DDR – Gren­z­sol­daten ist nachzule­sen.

Her­aus­gegeben von einem der dama­li­gen Akteure und aufgeschrieben von seiner Lebens­ge­fährtin, der Autorin Anne Hahn. Das Buch sollte zur Pflichtlek­türe für den Unter­richt in jüng­ster deutscher Geschichte wer­den.