Wer sich daran erinnert, ist nicht dabei gewesen

Rosen­mon­tagsparty im Café Resi, 1980

Diese feucht – fröh­liche ost­deutsche Spruch­weisheit trifft wohl am besten die Sub­stanz der neuesten Ausstel­lung in den Kun­st­samm­lun­gen Jena. Sie nennt sich tre­f­fend „Der große Schwof“ und zeigt in reich­lich 300 Fotos geronnenen Frohsinn zu allen erden­klichen Feiern im let­zten Jahrzehnt der DDR. Von der Spon­tan­party über Geburt­stags­feten, Jubiläums­feiern, Volks­festen, bizarren Insze­nierun­gen der Sub­kul­tur, Under­ground, – Hochzeits – und Aus­reisep­a­r­tys reicht das foto­bild­ner­ische Spek­trum. Nichts, aber auch nichts wurde als Anlass zum alko­holgeschwängerten Feiern aus­ge­lassen. Und dafür gab es bekan­nter­maßen gute Gründe. Nur so kon­nte man der immer­währen­den grauen Tristesse des DDR – All­t­ags eine ganz eigene, lupen­reine pri­vate Welt ent­ge­genset­zen. Jene zele­bri­erten tem­porären Par­al­lel­wel­ten hat­ten eine immens wichtige Ven­til­funk­tion und geri­eten für sehr viele zu einer Art Über­lebensver­fahren. Im Schwof waren dann irgend­wie irgend­wann alle gle­ich und tren­nende gesellschaftliche Schichten miteinan­der ver­schmolzen. Kater­stim­mung danach inbe­grif­fen. Im offiziellen DDR – Sprach­jar­gon des Arbeit­sall­t­ags nan­nte sich das übri­gens „gemütliches Beisam­men­sein“ und geriet bisweilen zur ausufer­n­den End­losparty mit offenem Aus­gang. Apro­pos offen. Selb­stver­ständlich ist auf sehr vie­len Fotografien sehr viel spär­lich bedeckte Haut in Form eng miteinan­der ver­schlun­gener Kör­per gle­ich – oder unter­schiedlichen Geschlechts auszu­machen. Sowas würde wohl heute nur von kurzer Dauer sein. Infolge Anzeigen wegen sex­ueller Beläs­ti­gung und der­gle­ichen. Mitunter wirken alle aus­gestell­ten Fotos sehr weit entrückt, wie der Blick in eine rät­sel­hafte Zeitkapsel.
Zeug­nis und zugle­ich unge­wollt sozi­ol­o­gis­cher Exkurs in längst vergessene, ver­meintliche Phan­tasiewel­ten. Ver­gle­iche zum „Tanz auf dem Vulkan“ der 1920iger Jahre kön­nen da bisweilen dur­chaus mithalten.
In einem Land, dass sich in seinen let­zten Jahren im Zus­tand stetiger Auflö­sung befand. Bekan­nter­maßen ver­ließen es immer mehr seiner Bürger*innen. Auch davon ist in Jena einiges zu sehen, in Form diverser Abschiedspar­tys. Zum let­zten Mal einen heben, hieß das dann buchstäblich.
Kuratiert wurde die Show von der Bil­dredak­teurin Petra Göll­nitz. Nach ihrer Zeit in der Redak­tion der DDR – Zeitschrift „Das Mag­a­zin“ ging auch sie 1989 in den Westen Deutsch­lands und war ganze 30 Jahre Bil­dredak­teurin beim Ham­burger Mag­a­zin „Stern“. Zuständig für die Bebilderung aus den soge­nan­nten „neuen Bun­deslän­dern“. Mitunter wurde ihr dabei von den West­kol­le­gen allen Ern­stes erk­lärt, wie die DDR funk­tion­iert hat. Genau jene Momente waren für sie Aus­löser, diese Ausstel­lung zu instal­lieren. Sie rief und 31 ein­ge­ladene Fotograf*innen waren mit ihren Bildern und sogar Tex­ten zur Stelle.
In Form expliziter Inter­views zur eige­nen Lebens – und Arbeitswelt.
Freilich sind Ausstel­lun­gen jener Art immer ein Garant außeror­dentlich starker Pub­likums­fre­quenz. Als Vergewis­serung der eige­nen Biografie und Lebensleis­tung für viele ehe­ma­lige DDR – Bürger*innen, als Erkun­dung der jüng­sten Deutschen Geschichte für Nach­folge – Gen­er­a­tio­nen. Das wurde schon bei der Vernissage im über­füll­ten Fest­saal des Rathauses mehr als deut­lich. Die Ausstel­lung ist noch bis zum 15. Okto­ber 2023 zu sehen. Flankiert von einem üppi­gen Kat­a­log. Nach zwei weit­eren Sta­tio­nen im Osten soll sie auch im Westen der vere­inigten Repub­lik gezeigt wer­den. Und das wäre dann in der Tat ein richtiges Novum. Nach dreiund­dreißig Jahren. Kaum zu glauben, aber (hof­fentlich) wahr.