Von Claus Bach, 12. September 2007, 11:26 Uhr

…füllt er nun auch mehrere Regalfächer der Thalia-Buchhandlung in Weimar: Der Katalog zur „Documenta XII“, der bekanntlich größten und populärsten Ausstellung zeitgenössischer Kunst weltweit. Doch da wird die Angelegenheit schon heikel. Ist doch ein Teil der ausgestellten Arbeiten weit älteren Datums, also alles andere als zeitgenössisch.

Und überhaupt: Die Einwanderung und Vermischung, also die „Migration der Formen“, welche der Kurator Roger M. Buergel als sein Konzept für die Ausstellung propagiert, ist derartig politisch-korrekt langweilend, das sich nicht mal die berühmten Fußnägel nach oben rollen wollen.

Dasselbe hat sein Vorgänger zur letzten Documenta im Jahre 2002 wesentlich überzeugender, weil selbstverständlich zelebriert. Stattdessen sind nun endlos Reportagefotografien eines Afrikanischen Künstlers über deutsche Siedlungsfassaden zu sehen, welche genausogut von chilenischen, amerikanischen oder indischen Fotoreportern hätten erledigt werden können. Austauschbarer Fotojournalismus.

Und freilich macht es Spaß, einige schiefgegangene Installationen schön zu reden, ein Scheitern gleich mit einzuplanen und damit einen lustigen Pressehype zu zelebrieren: So war die Türen-Installation des ausgesprochen schlitzohrigen chinesischen Architekten und Künstlers Ai Wei Wei ursprünglich für den Innenraum gedacht und mußte so zwangsläufig bei etwas stärkerem Wind im Außenraum zusammenkrachen, glücklicherweise ohne Folgen für Mensch und Tier. Und seine 1001 eingeladenen Chinesen sind nun für fast lau in Kassel gewesen und haben ein bißchen geguckt, geknipst und selbstverständlich gefilmt. Soziale Prozeßkunst halt, aber ohne eine für alle erhellende Dokumentation.

Auch vegetieren die noch nicht aufgegangenen Reisfelder am Museum Wilhelmshöhe still vor sich hin wie am Tag der Eröffnung, was man ebenfalls von den nicht aufblühenden Mohnblumenfeldern vor dem Museum Fridericianum sagen kann. Und die ausgestopfte Giraffe im Museum wirkt halt wie eine ausgestopfte Giraffe in einem prähistorischen Museum, da hilft auch keine politisch aufgeladene Hintergrundgeschichte.

Aber vielleicht, ja bestimmt sogar ist das alles pure durchtriebene Absicht des Kuratoren und seiner Lebensgefährtin – um routinierte Kollegen inclusive Kunstpublikum mal so richtig vorzuführen.

Doch selbst das verblaßt, sobald man das verstaltete Kunstgewächshaus mit seinen Werken im Inneren gesehen hat. Die können einem nur leid tun, selbst ein Baumarkt böte mehr Licht für einige dieser schönen Arbeiten. Und der wäre dann vor allem eine konsequente Ansage gewesen. Stattdessen wurde eine Vorführe des für den Bau beauftragten Architekten daraus.

Dafür aber hat der Kurator noch ein Ass im Ärmel: Zwei Besucher/innen seiner Wahl will er täglich interagierend in sein Feinschmecker-Stammlokal nach Katalanien einladen. Bestimmt ist es dort kurzweiliger.

Fazit des Ganzen: Aus anfangs neugierig machender kuratorischer Durchtriebenheit ist pure Langeweile geworden, was nochdazu in einem äußerst beliebigem Gesamtbild gipfelt – und das auf Kosten einiger weniger herausragender Kunstwerke.

Im Ranking um das spannendste Kunstereignis dieses Jahres steht die diesjährige Documenta mehr als ganz hinten. Herr Bürgel sollte sich mal eine konzeptionelle Scheibe von Kaspar König, dem Kuratoren der Skulpturprojekte Münster, abschneiden.

Für Kassel lohnt der Aufwand des Hinfahrens und Schauens jedenfalls nicht. Höchstens im Dieter Bohlenschen Sinne des Hypes einer super Negativreklame. Und siehe da: Die Pressestelle der Documenta 12 vermeldete kürzlich nach der Halbzeit der 100 Tage Besucherrekord…

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